Raffs Grafikkarten-Rückblick 2022: Arc, Ada, AMD - ein wahres "Triple-A"-Wahnsinnsjahr!
2022 mag weltpolitisch bedenklich bis deprimierend gewesen sein, in Sachen Hardware erlebten wir jedoch ein wahres Feuerwerk. Nun, da die besinnliche Zeit anbricht, können wir alle durchatmen und die vergangenen zwölf Monate Revue passieren lassen. Achtung: Dieser Rückblick kann Spuren von Humor und persönlichen Ansichten des Autors enthalten!
Das Jahr 2022 war der absolute Wahnsinn, anders kann man die Flut an Neuerscheinungen nicht bezeichnen. Keines meiner bald 16 Jahre bei der PCGH war so ereignisreich, spannend, kräftezehrend, aber auch so belohnend wie 2022. Werfen wir zusammen einen Blick zurück. Ich kann Ihnen zwar weder einen Glühwein (mit Schuss), noch einen Tee (ohne Schuss) anbieten, aber dafür viel warme bis hitzige Prosa. Los geht's!
Wahnsinns-Vorwort zum Wahnsinns-Jahr
Wissen Sie, was ein echtes Problem ist? Die Außenwahrnehmung bestimmter Berufe. Fragen Sie doch mal einen Kollegen von der PC Games, was ihnen Leute auf die Frage entgegnen, was er (oder sie) wohl so macht. "Den ganzen Tag spielen, geil! Das ist doch keine Arbeit!" ist die Standard-Antwort. Bei uns Hardware-Redakteuren ist das ähnlich, wenngleich hier das Bild der Mitmenschen nicht ganz so klar ist. Viele wissen gar nicht, was wir so treiben und welcher Aufwand hinter unseren Tests steckt. Anerkennendes Nicken ist nett - das wahre Ausmaß wird aber nur jenen klar, welche das Wagnis eines Praktikums oder gar Volontariats eingehen. Ich möchte diese seltene Gelegenheit daher nutzen, ein wenig über den Aufwand hinter den PCGH-Grafikkartentests zu sprechen. Keine Sorge, das Selbstmitleid hält sich in Grenzen, denn ich mache täglich, was ich liebe. Darunter solche Dinge:
Liebe hin oder her, das Ansinnen, die Benchmark-Referenz zu werden, manifestierte sich dieses Jahr zu einem außerordentlich kräftezehrenden Prozess. Niemals zuvor gab es so viele neue GPU-Architekturen nacheinander, niemals zuvor veralteten Benchmarkwerte durch Patches und Treiber-Updates so schnell, niemals zuvor haben wir mehr Aufwand in die Videoproduktion gesteckt und so wenig geschlafen wie 2022. Das Gute: Jedes neue Produkt ist eine Möglichkeit, mit Qualität aufzufallen und neue Energy-Drinks auszuprobieren.
Der Untergang gedruckter Medien ist nicht aufzuhalten und sogar wir ewiggestrigen Angestellten eines ehemaligen Verlags wissen das, wirklich. Für Sie als Leser respektive Zuschauer hat das den Vorteil, dass unsere Fachredakteure jetzt nicht mehr nur schreiben, sondern ständig vor der Kamera stehen. Also tagsüber, denn nachts muss getestet werden. Manchmal schreiben wir auch, aber nur am Wochenende. Zugegeben, ein klein wenig Übertreibung schwingt mit, meine Message ist jedoch klar: Wir fühlen uns manchmal schlecht, weil uns die tägliche Arbeit Spaß bereitet - ein Spaziergang ist all das jedoch nicht. Apropos, falls Sie Wünsche für das neue Jahr haben, immer her damit! Kommen wir nun zum GPU-Wahnsinn des vergangenen Jahres. Blättern Sie dafür einmal weiter.
Das Grafikkartenjahr im Rückspiegel
Knapp 12.000 Dateien mit einer Gesamtkapazität von rund 1,7 GByte: Das ist die Ausbeute der reinen, ausgewerteten und veröffentlichten GPU-Benchmarks seit dem Frühjahr dieses Jahres - plus unzählige Validierungs-Runs, denn wir testen aus Überzeugung nur handgeschnitzte, anspruchsvolle Benchmarkszenen (die PCGH-Philosophie ist u. a. hier nachzulesen). Und dann ist noch kein Strom oder Lärm gemessen, kein Foto oder Video aufgenommen, geschweige denn ein Zeichen Text geschrieben. Mit dieser Bench-Bilanz war 2022 ganz ohne Zweifel so aufwendig wie noch nie. Dass es so kommen würde, war bekannt, denn Arc, Ada und AMD - unsere Titelgeber - hatten 2022 auf ihren Fahrplänen für Großes auserkoren.
Dabei fing alles gemächlich an. Das Jahr startete mit Portfolio-Ergänzungen, die mehr oder minder sinnvoll ausfielen. Während beispielsweise die Geforce RTX 3080 12GB eine Lücke zwischen RTX 3080 10GB und RTX 3080 Ti schloss, musste man sich bei der Radeon RX 6500 XT fragen, welche Nische das Produkt besetzen soll. Danach gingen sowohl Ampere als auch RDNA 2 auf Abschieds-Tournee, mit der Geforce RTX 3090 Ti und Radeon RX 6950 XT als ewige Topmodelle ihrer Generation. Wir nutzten die überschaubare Leerlauf-Phase dazwischen für die alljährlichen Benchmark-Revisionen - eine Übersicht der aktuellen Aufstellung finden Sie hier: FAQ zu Grafikkarten-Benchmarks mit Savegames: So testet PCGH - jetzt mitmachen. Parallel fieberten wir zusammen mit anderen PC-Spielern dem heiß ersehnten Ethereum-Merge entgegen. Im September war es dann endlich so weit: Eine der großen Plagen - das GPU-Mining - sind wir los und auch SARS-CoV-2 befindet sich auf dem Rückzug. Bedauerlicherweise zerfällt die Welt nun an anderen Stellen, die Sie sicher mitbekommen haben, ob Sie das wollen oder nicht.
Doch zurück zur spannenden Welt der Grafikkarten. Spätestens das Erscheinen von Intels kleinster Arc-Grafikkarte A380 Mitte des Jahres läutete den Stresstest für alle GPU-Tester ein. Eine neue Architektur ist mit ungleich mehr Aufwand verbunden als "nur" ein neues Produkt einer bereits ergründeten Reihe. Es gilt, die Stärken und Schwächen der neuen GPU mithilfe von praktischen und synthetischen Benchmarks kennenzulernen. Im Falle von Intel, welche seit 1999 keine Grafikkarte mehr gebaut haben, kommen weitere Tests dazu, darunter Dinge, die eigentlich als abgehakt bzw. selbstverständlich gelten. Welche Spiele starten? Und wenn sie es tun, laufen sie ohne Grafikfehler und mit angemessener Performance? Was kann ich im Treiber einstellen und wie steht es um die Texturfilterqualität? Letzteres prüft PCGH bei jeder GPU, im Falle von Arc war der Testaufwand jedoch signifikant größer und beschäftigte mich große Teile des Sommers.
Dieser explorative Teil macht mir am meisten Spaß - jedoch geht es ganz schön an die Substanz, wenn in einem Halbjahr gleich drei solcher Architektur-Brocken mit verschiedenen Produkten erscheinen und der Perfektionist im Manne alles ergründen möchte. Insgeheim hoffe ich natürlich, dass Sie - ja, Sie! - das beim Lesen oder Schauen genauso geil finden wie ich und es weitersagen. "Von Nerds für Nerds" regelt. In diesem Kontext habe ich noch eine gute Nachricht: Zwar feuern wir neuerdings aus allen Rohren mit Videos, werden dabei aber niemals mit dem Schreiben aufhören. Video ist bei der PCGH ein Zu-, aber kein Ersatz, wenngleich einige Formate am besten als Video funktionieren. Bedauerlicherweise hat unsere Druckerei bis heute nicht gelernt, wie man animierte Bilder auf Papier bannt ...
Im Herbst und Winter ging es dann Schlag auf Schlag: Arc Alchemist, Ada Lovelace, RDNA 3. Die Neuheiten prasselten auf Tester und potenzielle Kunden ein und sorgten für eine Druckbetankung, wie sie die Welt noch nie gesehen hat. Hallo?! Das Jahr hat vier Quartale, nicht nur eines! Wirklich, ich kann mich nicht erinnern, wann es mal ähnlich "voll" war - und ich verfolge den Grafikkarten-Markt schon seit 25 Jahren. Sicher, die späten 90er waren noch etwas turbulenter, allerdings musste man sich bei Nvidia Riva TNT, Matrox G400, ATI Rage 128, PowerVR Kyro, 3dfx Voodoo und Konsorten nicht um Nebenschauplätze wie Lärm oder Stromdurst kümmern - das existierte praktisch ebenso wenig wie dynamische Taktraten. 3 bis 4 Timedemos durchballern, fertig. Der Aufwand für Grafikkartentests hat sich ungefähr so entwickelt wie die Polygonzahlen in Spielen. Falls Sie sehen möchten, wie ein Retro-Test mit annähernd modernem Aufwand hinsichtlich Vorbereitung und Methodik aussieht, klicken Sie mal hier rein: 3dfx History und Voodoo 5: Retro-Special mit Insider-Infos und brandneuen Benchmarks. Ja, ich bin ein alter Sack - und froh, sowohl die Hochzeiten als auch das Massensterben einiger 3D-Pioniere gerade noch mitbekommen zu haben.
Hatte ich schon erwähnt, dass es nicht langweilig wurde? Denn neben dem ganzen Produkt-Wahnsinn hielt das Jahr auch weitere Beschäftigungsmaßnahmen bereit. Beispielsweise neue Upscaling-Verfahren noch und nöcher. DLSS 2.3 und FSR 1.0 waren gestern, sagen wir hallo zu FSR 2.0, XeSS DP4a, DLSS 2.4.12, XeSS XMX, IGTI, FSR 2.1, DLSS 3.0, FSR 2.2 ... und bald FSR 3.0. Patches, Updates, Hotfixes, meist zusammen mit Leistungssteigerungen in besagten Spielen, damit die aufwendig gewonnenen Benchmarks auch ja nicht nachhaltig sind. Allein für die optische Analyse der Upsampling-Modi haben wir Wochen aufgewendet. Wir lieben diese Innovationen und Themenvielfalt. Doch keiner der Beteiligten - weder Tester noch Leser - können diese schönen Dinge angemessen aufsaugen, wenn sie damit überhäuft werden. Vorschlag an AMD, Nvidia, Intel und alle Spiele-Entwickler: Sprecht euch besser ab. Hardware (GPUs) in einem Jahr, Software (Algos) in einem anderen. Und bitte so lange programmieren, bis alles drin und das Spiel fertig ist, damit wir nicht alles drei- bis viermal testen müssen. Mehr Sichtbarkeit und Zeit für alle. Deal?
Es gäbe noch so viel zu sagen. Aus dem Nähkästchen zu plaudern. Rants abzusondern. Beispielsweise zu den nach wie vor ekelhaften Grafikkarten-Preisen. Aber das machen alle, jederzeit, daher klinke ich mich einstweilen aus und widme mich lieber kurz dem ewigen Streitthema Raytracing. Dieses wird von einigen Zeitgenossen immer noch auf Reflexionen in Pfützen reduziert, in der Regel begleitet von Aussagen wie "in echt gibt es keine so sauberen Spiegelungen". Leute, ihr müsst echt mal wieder herausgehen! Corona hat uns eingesperrt, aber das ist vorbei (Influenza kann doch nix). Schaut euch die Welt an. Licht und Schatten sind überall und Spiele sind erstmals überhaupt in der Lage, diese Schönheit annähernd akkurat wiederzugeben. Ich verstehe vollkommen, dass man den Leistungsverlust doof findet - gerade in Kombination mit horrenden Grafikkarten-Preisen -, aber generelle Feindseligkeit gegenüber derart großen Innovation geht mir gegen den Strich. Herrje - nun sind die 10.000 Zeichen dieses Rückblicks überschritten, daher verabschiede ich mich in den Winter-Powernap. 2023 wird mit Ansage ebenfalls sehr spannend - nicht unbedingt wegen neuer Hardware, aber nach unzähligen Verschiebungen sieht 2023 nach einem ungeheuer vollen Spiele-Jahr aus, in dem uns endlich die lang erwartete "Next-Gen" rund um die Unreal Engine 5 ins Haus steht. In diesem Sinne: Bleiben Sie uns treu, erholen Sie sich gut und bis bald! Raff over and out.
Alle Grafikkarten-Ereignisse 2022 im Schnelldurchlauf:
Bildergalerie
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Fühle mich hier doch sehr gut informiert, halte Euch neben den Kollegen von der ct für die mit kompetenteste
Quelle auf dem Markt. Ihr logischerweise mit Schwerpunkt Games und das ist auch gut so.
Die Begeisterung für den Job ist durchaus in den Videos zu erkennen; ich schätze es sehr wenn sich jemand
mit seiner Tätigkeit stark identifiziert und diese auch lebt.
Der Qualität hat das jedenfalls noch nie geschadet - was ihr auch immer wieder beweist.
Spannt alle ein wenig aus, schaltet weitgehend ab und ladet die Akkus wieder auf.
Klar, sagt sich so einfach, aber manchmal bekommt man es doch hin. Verdient habt ihr das allemal!!!
In diesem Sinne und ein gutes, neues Jahr, Gesundheit, Glück und was man eben gerne hätte und braucht
PS: Auch der Welt würden einige Veränderungen gut stehen (endlich mal alle Vollpfosten in die Ecke stellen etc. pp)
Danke @PCGH "Ihr seit Legenden" und Danke an die Community!
Insbesondere die Benchmarks in Ultrawide sind für mich persönlich sehr wichtig, und die findet man woanders selten bis überhaupt nicht.
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