AMD Radeon RX 5700 und RX 5700 XT im Test: Erfolgreicher Angriff auf die Geforce-RTX-Phalanx [Update]
Jetzt aktualisiert: AMD hat nicht zu viel versprochen, im PCGH-Test deklassieren die Radeon RX 5700 und Radeon RX 5700 XT mit der neuen RDNA-Architektur ihre Vorgänger - mehr Leistung pro Rechenwerk gab es bei AMD nie zuvor. Ob das genügt, um Nvidias Turing-Phalanx gefährlich zu werden, welche Energiekosten und Lautstärke damit verbunden sind und was der Spaß kostet, erfahren Sie im Folgenden.
Update vom 9. Juli: Wie versprochen, haben wir Nachtests mit dem finalen, offiziell auf der AMD-Website veröffentlichten Navi-Treiber angestellt. Dieser hört wie erwartet (immer noch) auf die Versionsnummer 19.7.1 und datiert laut Dateiname auf dem 7. Juli. Um es kurz zu machen: Weder die RAM-Allokationsprobleme noch die Leistungsaufnahme beim Anschluss zweier Monitore unterschiedlicher Art wurden repariert, alle PCGH-Messungen dieses Artikels haben noch Bestand. Im folgenden Video gehen
wir genauer darauf ein; die Textabschnitte dieses Artikels sind mit entsprechenden Anmerkungen versehen. Sobald sich etwas tut, erfahren Sie es natürlich bei uns.
Derweil sind zumindest die Referenzdesigns von Radeon RX 5700 (XT) bereits gut zu den kommunizierten Europreisen lieferbar. Die Custom-Designs sind wie berichtet erst ab Mitte August zu erwarten.
Großangriff auf Intel und Nvidia: Am heutigen 7. Juli startet AMD eine Produktoffensive bisher unbekannten Ausmaßes, um den CPU- und GPU-Platzhirschen mehr als bloß ein paar Marktanteile abzuluchsen. Neben den Ryzen-3000-Prozessoren (PCGH-Test) starten heute auch die beiden Oberklasse-Grafikkarten Radeon RX 5700 XT und Radeon RX 5700. PC Games Hardware verbrachte die letzten Wochen kontinuierlich im Testlabor, um den Kombi-Launch und den damit verbundenen Wirbel am Markt adäquat mit Fakten anzureichern und Ihnen fundierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen. Zu diesem Zweck haben wir von AMD entsprechende Testmuster erhalten, die wir aus allen erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet haben.
Im vorliegenden Artikel dreht sich alles um die Radeon RX 5700 und RX 5700 XT ("Navi"). Wie man dem veränderten Namensschema bereits entnehmen kann, handelt es sich nicht um eine schnöde der Ergänzung des Portfolios, wie zuletzt mit der Radeon RX 590, sondern um etwas Neues. Wir feiern die Veröffentlichung der neuen AMD-GPU mit zahlreichen weiteren Artikeln, welche am heutigen Sonntag gestaffelt erscheinen:
- Radeon RX 5700 (XT) seziert: Bildqualität, Effizienz, Compute-Benchmarks, Tessellation
- Radeon RX 5700 (XT): Radeon Anti-Lag ausprobiert - macht nicht nur Navi geschmeidig
- Radeon Image Sharpening (RIS) im Test: Mehr "Knack" für Ihre Lieblingsspiele auf Knopfdruck
Radeon RX 5700 (XT) im Test: Gestatten, Navi
Vor mehr als dreieinhalb Jahren tauchte er das erste Mal auf einer AMD-Roadmap auf, mit "Nexgen Memory" und "Scalability" als Kernmerkmale. 2018, so die publizierte und nicht verwirklichte Planung, sollte er auf den Markt kommen. Die Rede ist natürlich von Navi, dem neuesten und fortschrittlichsten Grafikprozessor aus der Radeon Technologies Group (RTG). Wer die aktuellen Codenamen der AMD-Grafiksparte genauer betrachtet, wird feststellen, dass es sich ausnahmslos um Sterne handelt. Nach den Mittelklasse-Chips Polaris (2016) und Vega (2017) folgt nun, mit großem zeitlichem Abstand, Navi. Dieses Mehrfachsternsystem ist besser bekannt unter dem Namen Gamma Cassiopeiae und belegt auf der Liste der hellsten Sterne den 64. Rang. Keine Sorge, das war's bereits mit der Astronomie, das Folgende dreht sich um den Grafikprozessor Navi und die Grafikkarten Radeon RX 5700 sowie RX 5700 XT.
Navi 10, so der genaue Name des neuen Chips, verfügt über einige Änderungen des GPU-internen Aufbaus, weshalb AMD von einer neuen Architektur spricht. Darüber lässt sich vortrefflich streiten, doch muss man sich dafür in den Kaninchenbau rund um Instruktionssets, Execution Units & Co. wagen. Falls Sie die Materie interessiert, finden Sie eine entsprechende Abhandlung auf der nächsten Seite dieses Artikels. Diese findet sich weitgehend auch in der bereits veröffentlichten PCGH 08/2019, Stammleser könnten folglich Textpassagen wiedererkennen. In der Zwischenzeit konnten wir einige offene Fragen anhand von Navi-Praxistests beantworten oder zumindest verifizieren. Beginnen wir von vorne. AMD fasst Navi folgendermaßen zusammen:
AMD Radeon RX 5700 und RX 5700 XT im Test: Erfolgreicher Angriff auf die Geforce-RTX-Phalanx (21)
Quelle: AMD
Die Pfeiler Navis sind vielfältig. Der Chip wird nicht bloß auf 7-nm-Strukturbreite geschrumpft, sondern beinhaltet außerdem einen Umbau des Shader Core sowie Unterstützung neuer Standards. HDMI 2.1 ist damit ausdrücklich nicht gemeint, AMD spendiert Navi lediglich Support für HDMI 2.0b. Dafür können die Radeon RX 5700 und RX 5700 XT erstmals mit dem PCI-Express-4-Protokoll umgehen und liefern somit die doppelte Transferrate gegenüber dem alteingesessenen PCI Express 3.0. Die dafür nötige Infrastruktur stammt ebenfalls aus dem Hause AMD, ohne X570-Mainboard nebst Ryzen-3000-Prozessor arbeiten Navi-GPUs im PCIe-3-Modus - so übrigens auch bei unseren vergleichenden Benchmarks. Folgende Analysen werden zeigen, inwiefern die PCIe-Transferrate in praktischen (Gaming-)Szenarien limitiert.
Erstmals GDDR6-Speicher
Während der eingangs erwähnte Punkt "Scalability" weiterhin Raum für Spekulationen liefert, ist zumindest "Nexgen Memory" (ohne t) eindeutig: Navi 10 bietet als erster AMD-Chip Unterstützung für den GDDR6-Speicherstandard. Vorige Radeon-GPUs verwendeten entweder GDDR5 oder High Bandwidth Memory (gen2). Der Wechsel auf GDDR6-DRAM führt gegenüber HBM zwar zu einer geringeren Transferrate pro Takt sowie einer etwas höheren Leistungsaufnahme, allerdings fällt die Verdrahtung wesentlich einfacher aus. Durch die Entzerrung der Hotspots - HBM wird direkt neben der GPU platziert, GDDR mit Abstand ringsum - wird außerdem die Kühlung gegenüber den Vega-Chips einfacher. Und ganz nebenbei erlaubt AMDs Einsatz von GDDR6 interessante Vergleiche mit Nvidias Turing-Aufgebot, welche teilweise über die gleichen Rohdaten verfügen. Dazu später mehr.
Drei Grafikkarten zum Start
Am 7. Juli starten drei Grafikkarten auf Basis von Navi 10. Zwei davon verwenden den Vollausbau namens Navi 10 XT, die dritte muss mit einem leicht beschnittenen Chip namens Navi 10 XL auskommen. Wie AMD bereits vor einigen Wochen verlauten ließ, zielt man mit der Radeon RX 5700 XT direkt auf die populäre Geforce RTX 2070 und mit der Radeon RX 5700 auf die Geforce RTX 2060. Das hat auch Nvidia mitbekommen und kurzerhand "Super"-Versionen besagter Grafikkarten zu vergleichbaren Preisen aufgelegt (PCGH-Test der RTX 2070 Super und RTX 2060 Super). Wir werden sogleich in den Benchmarks klären, welche Modelle als Sieger aus dem Ring steigen. Werfen wir zunächst prüfende Blick auf die theoretische Rohleistung der Probanden:
| Modell | RX 5700 XT 50th AE | Radeon RX 5700 XT | Radeon RX 5700 | Geforce RTX 2070 Super FE | Geforce RTX 2070 FE | Geforce RTX 2060 Super FE | Geforce RTX 2060 FE | Radeon VII | Radeon RX Vega 64 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Codename/Konfektion | Navi 10 XT | Navi 10 XT | Navi 10 XL | TU104-410 | TU106-400A | TU106-410 | TU106-400(A) | Vega 20 XT | Vega 10 XT |
| Chipgröße (reiner Die) | 251 mm² | 251 mm² | 251 mm² | 545 mm² | 445 mm² | 445 mm² | 445 mm² | 331 mm² | 486 mm² |
| Transistoren Grafikchip (Mio.) | 10.300 | 10.300 | 10.300 | 13.600 | 10.800 | 10.800 | 10.800 | 13.200 | 12.500 |
| Fertigungsverfahren | 7 nm FF | 7 nm FF | 7 nm FF | 12 nm FFN | 12 nm FFN | 12 nm FFN | 12 nm FFN | 7 nm FF | 14 nm LPP |
| ALUs/SIMDs/TMUs/ROPs | 2.560/40/160/64 | 2.560/40/160/64 | 2.304/36/144/64 | 2.560/40/160/64 | 2.304/36/144/64 | 2.176/34/136/64 | 1.920/30/120/48 | 3.840/60/240/64 | 4.096/64/256/64 |
| Dedizierte INT32-ALUs | - | - | - | 2.560 | 2.304 | 2.176 | 1.920 | - | - |
| GPU-Basistakt (MHz) | 1.680 | 1.605 | 1.465 | 1.605 | 1.410 | 1.470 | 1.365 | 1.400 | 1.247 |
| GPU-Boost-Takt in Spielen (MHz) | 1.830* | 1.755* | 1.625* | 1.770 | 1.710 | 1.650 | 1.680 | 1.750 | 1.546 |
| GPU-Boost-Takt (Bestcase) | 1.980 | 1.905 | 1.725 | ~1.920 | ~1.900 | ~1.920 | ~1.900 | 1.800 | 1.630 |
| FP32/FP64-Leistung (TFLOPS) | 9,37/0,59** | 8,99/0,56** | 7,49/0,47** | 9,06/0,28 | 7,88/0,25 | 7,18/0,22 | 6,45/0,20 | 13,44/3,36 | 12,66/0,79 |
| Größe des Level-2-Cache (KiB) | 4.096 | 4.096 | 4.096 | 4.096 | 4.096 | 4.096 | 3.072 | 4.096 | 4.096 |
| Speicheranbindung (Bit) | 256 | 256 | 256 | 256 | 256 | 256 | 192 | 4.096 | 2.048 |
| Geschwindigkeit RAM (GT/s) | 14,0 | 14,0 | 14,0 | 14,0 | 14,0 | 14,0 | 14,0 | 2,00 | 1,89 |
| Speichertyp | GDDR6 | GDDR6 | GDDR6 | GDDR6 | GDDR6 | GDDR6 | GDDR6 | HBM gen2 | HBM gen2 |
| Speicherübertragung (GB/s) | 448,0 | 448,0 | 448,0 | 448,0 | 448,0 | 448,0 | 336,0 | 1024,0 | 483,8 |
| Speicherkapazität (MiB) | 8.192 | 8.192 | 8.192 | 8.192 | 8.192 | 8.192 | 6.144 | 16.384 | 8.192 |
| PCI-Express-Stromanschlüsse | Je 1 × 6- + 8-polig | Je 1 × 6- + 8-polig | 2 × 6-polig | Je 1 × 8-/6-polig | 1 × 8-polig | 1 × 8-polig | 1 × 8-polig | 2 × 8-polig | 2 × 8-polig |
| Typische Leistungsaufnahme | 235 Watt | 225 Watt | 180 Watt | 215 Watt | 185 Watt | 175 Watt | 160 Watt | 300 Watt | 295 Watt |
| Unverbindliche Preisempfehlung | 469 Euro | 419 Euro | 369 Euro | 529 Euro | 629 Euro | 419 Euro | 369 Euro | 729 Euro | 499 Euro |
Leistungsangaben bei typischem GPU-Boost laut AMD/Nvidia und bezogen auf die Referenzkarten respektive Founders Editions. In der Praxis schwankt die GPU-Frequenz und somit auch der Durchsatz. *Von AMD "Game Clock" genannt. Dieser Wert liegt unter typischer Spielelast mindestens an, in der Regel boostet die GPU höher. **DP:SP-Rate 1:16 anhand von AIDA64 ermittelt und anschließend von AMD bestätigt.
Geburtstags-Edition vs. Stangenware
Spätestens jetzt sind ein paar Worte zur Radeon RX 5700 XT 50th Anniversary Edition fällig. Bei diesem Modell handelt es sich um eine selektierte, geringfügig übertaktete Variante der 5700 XT, welche zusätzlich mit Gold-Akzenten aufgewertet wurde. Um die rund vierprozentige Übertaktung der GPU sicherzustellen, wird das Powerbudget um ebenfalls rund vier Prozent angehoben. Das Leistungsplus gegenüber der normalen Radeon RX 5700 XT dürfte sich daher in engen Grenzen halten und ist vor allem eine zahme Vorschau auf die im August erscheinenden Partnerkarten. Die Anniversary Edition ist jedoch mindestens für Sammler spannend. Interessenten können die Karte im AMD-Webshop erstehen, auch aus Deutschland.
AMD Radeon RX 5700 und RX 5700 XT im Test: Erfolgreicher Angriff auf die Geforce-RTX-Phalanx (15)
Quelle: PC Games Hardware
Deutlich günstiger fallen die "normale" Radeon RX 5700 XT und ihre kleine Schwester aus. Beide verfügen über das gleiche, vollständig aktive Speichersubsystem mit 256 Datenbahnen zum jeweils 8 GiByte großen GDDR6-RAM. Dieser arbeitet wie auf den Geforce-RTX-Modellen 2080, 2070(S) und 2060(S) mit 14 Gigatransfers/s beziehungsweise "7 GHz". Neben dem Kühldesign (dazu gleich mehr) unterscheiden sich die beiden Modelle in erster Linie über die GPU-Konfektion, welche Einheitenzahl, Takt und Powerlimit beinhaltet. Die RX 5700 XT rechnet mit einem vollständigen Navi-10-Chip mit 40 Compute Units à 64 FP32-ALUs, resultierend in 2.560 der für Spiele maßgeblichen Rechenwerke. Die RX 5700 Non-XT muss einen Beschnitt über sich ergehen lassen, hier fallen vier Compute Units und somit 256 ALUs (sowie weitere Einheiten) weg. Zusätzlich reduziert AMD bei der Radeon RX 5700 die GPU-Taktfrequenzen und das Powerlimit, um die Produkte deutlicher zu differenzieren.
Randnotiz: Die von AMD gewählte Einheitenzahl ist interessant, erlaubt sie doch neuartige Pro-Takt-Vergleiche, welche früher nicht möglich waren. Wir haben bereits entsprechende Messreihen gestartet, allerdings noch nicht final ausgewertet. Enthalten sind Radeon RX 5700 XT vs. Geforce RTX 2070 Super (je 2.560 ALU @ 448 GByte/s) sowie Radeon RX 5700 vs. RTX 2070 (je 2.304 ALUs @ 448 GByte/s). Erste Eindrücke haben wir in der Leistungsanalyse bzw bei den Spezialtests platziert.
Taktraten
Vergleicht man die Rohdaten bei offiziellen Taktraten, bietet die Radeon RX 5700 XT eine um exakt 20 Prozent höhere Rechenleistung als ihre kleine Schwester. Da dies bei identischer Speicherleistung geschieht, ist davon auszugehen, dass die praktische Differenz in Spielen geringer ausfällt. Grundsätzlich ist Navi wesentlich taktfreudiger als Vega 10 (RX Vega 64/56) und auch als Vega 20 (Radeon VII). Hier muss jedoch, wie bei allen modernen Grafikkarten, zwischen dem bestmöglichen und dem dauerhaft erreichten GPU-Boost unterschieden werden. Der Basistakt entspricht jener Frequenz, die garantiert gehalten wird, ist unter typischen thermischen Situationen aber nicht anzutreffen (sprich: in einem Zimmer mit weniger als 50 °C und montiertem Kühler).
Radeon RX 5700 XT in der (noch unvollständigen) GPU-Z-Übersicht
Quelle: PC Games Hardware
Was die typische GPU-Frequenz unter (Spiele-)Last angeht, kommunizieren AMD und Nvidia seit Jahren offizielle Werte. Diese sind jedoch unterschiedlich zu bewerten. So gibt Nvidia beispielsweise recht konservative Taktraten an, welche in der Praxis von beinahe jedem Geforce-Modell, welche bekanntlich stets Einzelstücke mit abweichender elektrischer Qualität sind, übertroffen werden. Die von AMD für Vega genannten Taktraten sind hingegen etwas zu hoch gegriffen, sofern man Tausende PCGH-Messungen mit unterschiedlichen Varianten ins Verhältnis setzt. Mit Navi ist das anders. Hierfür gibt AMD neuerdings eine "Game Clock" an, ein Wert, welcher laut Reviewer's Guide in den meisten Gaming-Szenarien mindestens anzutreffen ist. Wir können anhand der uns vorliegenden Muster bestätigen, dass die genannten Werte meist übertroffen werden. Mehr dazu im entsprechenden Artikelabschnitt. Zunächst schauen wir uns Navi mittels Teleskop genauer an.
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