Ist Valve diese Woche der Stoff ausgegangen oder hat ihn einer mit Klebstoff gestreckt? - Die PCGH-Meinung der Woche
In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne berichtet ein Redakteur über ein IT-Thema, das ihn in der vergangenen Woche bewegt hat. Zum Abschluss dieser Woche äußert sich Andreas über Valve und Steam in seinem aktuellen Zustand.
Es ist im November 2004, als ich eine CD in mein Laufwerk stecke und ein gewisses Half-Life 2 auf meinem PC installiere. Zu jener Zeit, ich war (noch einigermaßen) jung und dumm, war dieses Spiel von Valve wohl der Titel, den man auf keinen Fall auslassen durfte. Valve nahm die Gelegenheit auch gleich zum Anlass, um Millionen Spielern ein gewisses Steam unterzujubeln. Es war mein erster Kontakt mit der Software in ihrem braunem Gewand. Groß Gedanken gemacht habe ich mir darüber nicht. Ich war jedenfalls nicht gerade früh dran mit Steam, denn meine Wunsch-Nicknames waren schon alle weg. Das waren wohl die einzigen Gedanken, die ich daran verschwendet habe.
Heute, ich bin über zehn Jahre älter und laufe seltener in weiten Adidas-Pullovern rum, habe ich eine andere Sicht auf die Dinge als damals. Möglicherweise liegt es daran, dass ich einen halben Zentimeter kleiner geworden bin. Irgendwann fangen die Bandscheiben halt an, sich der Schwerkraft und dem Verschleiß zu beugen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass mein Geist sich etwas weiterentwickelt hat. Ich weiß, das klingt weit hergeholt, ist aber mit etwas Fantasie durchaus möglich.
Heute bin ich vor allem enttäuscht, enttäuscht von Half-Life 2 und von Steam – auch von Valve im Ganzen. Vielleicht ist es auch die Verbitterung eines alten Mannes, da bin ich mir noch nicht so sicher. Ich war einer von denen, die schon früh das eine oder andere kritische Wort zu Half-Life 2 und Steam äußerten. Das war immer sehr gefährlich, denn damals wie heute zieht man sich schnell den Hass einer nicht gerade kleinen Gruppe Menschen zu, die es einfach nicht schaffen, eine andere Meinung als die eigene auf ihre kleine 5,25-Zoll-Floppy zwischen den Ohren zu schreiben.
Ich war jedenfalls einer der Trottel, die sich von Half-Life 2 und Steam haben blenden lassen. Ich war ganz schon blind, denn damals fand ich das Spiel ziemlich gut. Ich hatte sogar Spaß an der Nummer, aber ich habe auch schon sehr früh gesagt, dass Half-Life 2 Schwächen hat. Es ist meiner Ansicht nach der Wegbereiter für die Schlauch-Shooter, denn nichts anderes ist Half-Life 2 – mit unfassbar kurzen Abschnitten zwischen den Ladezeiten. Die haben mich schon beim ersten Durchspielen angenervt. Ich habe auch schon recht früh gesagt, dass Steam nicht der Heiland ist, den Gott Gabe N auf die Erde geschickt hat, um Spieler von ihren Sünden zu erlösen (später, 2014 auch auf PCGH, gleich zwei Mal). Steam war der Wegbereiter für accountgebundene Spiele, wie sie heute Gang und Gäbe sind.
Wahrscheinlich hab ich schon wegen Gotteslästerung die ersten Hassmails im Postfach (so wie Kollege Tom, als er das letzte Mal über Steam schrieb), aber ich hab noch gar nicht richtig angefangen. Ich meide Steam heute wie der Teufel das Weihwasser. So rund 60 Spiele tummeln sich da zwar auf dem Account, aber meist nur, weil es keine Alternative gibt. Dabei hat Steam gewiss einige Komfortfunktionen, die ganz nett sind. Automatische Updates sind schön, das Matchmaking problemlos, die Sales eine wahre Fundgrube – aber auch wie der lokale Drogendealer um die Ecke. Einmal anfixen und dann abkassieren. Die meisten werden Spiele in der Bibliothek haben, die man im Leben noch nicht mit dem Arsch angeschaut hat. "Ach, das will ich mal irgendwann spielen", ist die übliche Floskel. Na klar, denke ich mir immer. Alles, was da passiert, ist das Ausnutzen eines menschlichen Urinstinktes "Jagen und Sammeln" – so wie es die Publisher bei Vorbesteller-DLCs machen. Steam bricht das Brot und teilt es mit seinen Jüngern, aber ich finde es geschmacklich fragwürdig. Zumal Matchmaking auch ohne Steam funktionieren kann, oder was glaubt die Jugend von heute, wie wir Stunden in Unreal Tournament abgerissen haben?
Bis hier hin war das halt so eine persönliche Abneigung, die ich pflegte. Man kann etwas nicht gut finden, es aber trotzdem benutzen. So wie Busse zum Beispiel, oder teures Benzin, deliziöses Fastfood, langsames Internet, Atomstrom, Kondome … na Sie wissen schon. Als dann dieser Tage aber bekannt wurde, dass Valve mit den Publishern über Steam 75 Prozent der Modder-Einnahmen abkassiert, da dachte ich, ich bin gerade mit einem G36 in einen Hinterhalt geraten. Oder mit einem Fiat Ritmo in Mack Titan gerauscht, wenn Ihnen das besser gefällt.
Was denken die sich eigentlich in Bellevue, Washington? Ist denen diese Woche der Stoff ausgegangen oder hat ihn einer mit Klebstoff gestreckt? Da setzt sich irgendein Typ teils jahrelang in seiner Freizeit hin, um zu einem Spiel, das er liebt, eine Mod zu produzieren, die er dann mit Community teilt. In der Regel kostenlos. Manche bitten um eine kleine Spende, das ist ein "Kann", kein "Muss". Manche nehmen auch Geld dafür, was vollkommen legitim ist. Aber wo bitte nimmt sich Valve das Recht her, 75 Prozent des Umsatzes bei einer Mod abzugreifen? Das ist nicht nur dreist, sondern pervers und schlägt sogar noch Geschäftsmodelle wie das auf Youtube. Valve trägt, außer der Bereitstellung einer Plattform, nichts zu einer Mod bei. Ich sehe da nur das schamlose Ausnutzen von Leuten, die Spaß an etwas haben, über eine Monopolstellung.
Vielleicht sehe ich das alles falsch, dann werde ich es gewiss gleich im Forum aufs Ausführlichste erfahren, aber meine Meinung kann mir auch keiner nehmen und ab und zu darf ich sie auf dieser Webseite zum Besten geben. Verflixt, ich werde sogar dafür bezahlt. Ich werde sogar dafür bezahlt, wenn ich jetzt mit Nullen und Einsen im Forum gesteinigt werde. Gerne darf jeder seine eigene Meinung haben, aber ich finde Steam jetzt offiziell so attraktiv wie Smeagol, nachdem er mit Pech übergossen und angezündet wurde.
Da ändert auch der virtuelle Mittelalter-Mob nichts daran, der sich in unserer ach so modernen Welt mit VPN-Kapuzen, Bit-Fackeln und Byte-Gabeln bewaffnet im Internet sein Unwesen treibt. "Der Mob will immer mehr Zensur, wenn man ihn fragt. Er will immer Leute hängen sehen, für die kleinsten Vergehen. Er will Rache, auch bei unklarer Beweislage. Mob-Mitglieder wollen das immer, bis sie selber einmal abseits stehen. Dann fordern sie plötzlich den modernen Rechtsstaat ein, mit Meinungsfreiheit, ohne Vorverurteilung. Deshalb ist es gut, dass der Mob so wenig direkt entscheiden darf, dass die meiste Demokratie indirekt agiert", schreibt Clemens Gleich bei Heise in einer gelungenen Kolumne zur Causa Clarkson, bei der die Sendung Topgear unrühmlich zu Ende ging. Und ich habe mich dazu auch schon mal bei PCGH unter dem Titel "Foren, Minenfelder und Schwimmbecken" ausgetobt.
Aber das führt viel zu weit und hat mit dem eigentlichen Thema gar nichts zu tun. Ich weiß, dass meine aktuelle Meinung zu Steam und Half-Life 2 nicht allgemeintauglich ist. Ich weiß, dass sich manche auf den Schlips getreten fühlen. Leute werden mich verfluchen, wenn ich sage, dass Valve heute vollgefressener Dinosaurier ist, der lieber seine Kalorien zählt, anstatt sich weiterzuentwickeln und das zu machen, was eigentlich machen sollte: Spiele wie Half-Life 3 entwickeln. Bitte ohne Schlauch und Ladezeiten hinter jeder Ecke. Stattdessen vergeudet man seine Ressourcen in zum Scheitern verurteilen Projekten wie den Steam Machines - von denen hat man bis heute nicht viel gesehen. Steam werde ich weiter benutzen, weil es gar nicht anders geht. Ich muss ja auch durchsichtige Luft aus den Hauptbestandteilen Stickstoff und Sauerstoff atmen, obwohl ich das Blau der Methanatmospäre auf Uranus viel hübscher finde. Ich beschränke mich aber auf das Nötigste, in etwa so wie Trevor Philips mit Nettigkeiten. Bevor ich sie aber jetzt noch länger um Ihre kostbare Zeit beraube, gehen wir doch zum lustigen Teil über: Die Steinigung findet ein Stück weiter unten statt. Schönes Wochenende und bleiben Sie uns treu.