RTX 4060 Ti und RX 7600 verkaufen sich schlecht: Wenn ich bei Nvidia und AMD etwas zu sagen hätte ... Ein Kommentar von Raffael Vötter
Ich bin's leid. Seit vielen Jahren erscheinen neue Grafikkarten, die bei den meisten Interessenten nur auf müdes Lächeln oder blanken Hass stoßen. Zu langsam, zu teuer, oft beides. Gibt es nichts dazwischen? Ich hätte da ein paar Ideen ... Eine Amtsanmaßung von PCGH-Grafikkartentester Raffael Vötter.
PC-Gaming hat mehr als ein Problem. Neben der Flut an halbgar veröffentlichten Spielen bereitet auch die Hardware immer weniger Freude. Als alter Sack, der ich mittlerweile bin, kenne ich die wilde Zeit rund um die Jahrtausendwende noch gut. Alle paar Monate erschien eine neue Grafikkarte, die mit der vorherigen den Boden aufwischte. Spiele wandelten sich von der dreieckigen Raupe zu einem wunderschönen Shader-Schmetterling. Man freute sich auf neue Hardware! Man wollte am Launch-Tag stets losrennen, das Portemonnaie öffnen und das neue Rechenbiest kaufen. Heutzutage ist die Erwartung eine ganz andere. "Ah, eine neue Grafikkarte. Kostet bestimmt wieder 1.337 Euro" oder "Ui, toll, keine Preiserhöhung seit dem letzten Mal - dafür ist sie halt auch nicht schneller" haben sich in den Köpfen festgesetzt.
Ich, der als Schnittstelle zwischen Ihnen, den Kunden, und den Herstellern sitzt, muss dabei doppelt weinen. Denn unspannende Produkte machen genauso viel Arbeit wie spannende und niemand veröffentlicht und testet gerne Produkte, die niemand haben will. Ich verstehe vollkommen, dass Firmen nicht für das Allgemeinwohl arbeiten, sondern für blanken Profit - das ist das, was Aktiengesellschaften machen. Punkt. Dieses System muss man nicht gut finden, doch es gibt Grenzen. Diese sind längst erreicht. Folgt man den letzten Quartalszahlen von AMD, Intel und Nvidia, läuft es beim Gaming nicht. Die Absatzzahlen sind nach dem Ende der Mining-Seuche in den Keller gerauscht und verweilen seitdem dort. Die Leute haben bemerkt, dass die Inflation vor allem, aber nicht nur bei Grafikkarten so heftig zugeschlagen hat - ihr seid aufgeflogen! Jetzt könnte man sich wie ein bockiges Kind hinstellen, auf den Boden stampfen und so weitermachen wie bisher. Denn die verwöhnten Aktionäre und Investoren wollen ja weiter ihre unverdiente Dividende ausgezahlt bekommen.
Ich hätte einen Gegenvorschlag: Man lernt aus Fehlern. Wenn ich bei Nvidia und AMD etwas zu sagen hätte ... müsste ich mich natürlich auch den wirtschaftlichen Zwängen beugen und bekäme von meinen Vorgesetzten ständig Schelte, weil ich so spendabel mit Transistoren umgehe. Die Leute kaufen den aktuellen Krempel nicht! Dafür gibt es Gründe. Wie Sie meiner vorherigen Entgleisung entnehmen, verstehe ich den Geiz rund um das Hobby PC-Gaming nicht unbedingt. Gute Hardware ist ein Wunder, eine ingenieurstechnische Glanzleistung, vor der ich meinen imaginären Hut ziehe. Das darf etwas kosten. Ehrlich, wenn ich etwas mehr in der Rübe hätte, würde ich auch Prozessoren entwickeln und KI vorantreiben. Was ich aber ganz sicher weiß, ist, dass ein Umdenken beim Produktportfolio stattfinden muss. Das passiert besser gestern als morgen und ich schaue da besonders zum Marktführer Nvidia. "Alles gut, Raff, wir sind immer noch Marktführer, sogar führender denn je" - ja, aber niemand hat euch lieb, das Image unter Meinungsmultiplikatoren ist miserabel. Weil ihr Geizkragen seid!
Transistoren und somit Kosten sparen: sure thing. Mit TSMC in den Ring steigen und ausdiskutieren, wer der größere Fisch ist: klar. Meine Filetstücke nicht verramschen: natürlich. Das würde ich alles ähnlich machen, damit die Bude nicht vor die Hunde geht. Und natürlich kann man auch nicht jeden Ewiggestrigen mitnehmen, der meint, dass High-End vor 15 Jahren 300 Euro kostete und das heutzutage gefälligst auch so zu sein hat. Es gibt aber ein riesiges Potenzial - pardon, Total Adressable Market (TAM) - dazwischen, das durch einen spitzen Stift seit Jahren nicht erschlossen wird. Also: Investoren erden, neue Marschrichtung, Customer first. Wir beginnen bei der Geforce RTX 4060 Ti 16GB, mit einem recht kleinen Schritt in die richtige Richtung. Diese Grafikkarte hat seit ihrer Ankündigung das Potenzial, alles zu ändern. Die weise Erkenntnis, dass der Markt danach verlangt, ist der erste Schritt. Jetzt muss das Ding nur noch einen vernünftigen Preis bekommen. Nein, 550 Euro ist kein vernünftiger Preis. Nicht mal ansatzweise.
Die RTX 4060 Ti 8GB verkauft sich offenbar schleppend, die RX 7600 übrigens ebenfalls - also machen wir's einfach so: Die 8er-Variante der 4060 Ti geht direkt in den EOL-Status über und die neue 16er-Karte startet zum selben Listenpreis von 399 USD. Besser noch weniger, damit die geizigen Germanen 399 Euro sehen, aber fangen wir erst mal klein an. Parallel verhandeln wir als das große Nvidia, das wir nun einmal sind, mit allen Herstellern von GDDR-Speicher. Die sollen endlich mal die Blaupausen für 1,5-GiByte-Chips herausholen und in Massen fertigen. Dann bringen wir im Herbst und Winter unseren neuen "Kicker" namens Geforce RTX 4000 Super mit 50 Prozent mehr VRAM. Die Marge wird großzügig abgerundet, der Kunde erhält endlich das seit 2018 geforderte Speicher-Upgrade, die Sales steigen. Die Presse feiert, Mundpropaganda sorgt für Schlangen in den Elektronikmärkten. Wie in der guten, alten Zeit - aber jetzt mit geiler Grafik! Wetten, dass das funktionieren würde?
P.S. Und wenn noch Zeit ist ... Richies Wunschliste in die Roadmap einweben.
