Linus Torvalds zu KI in Linux: "Forkt es doch. Oder geht einfach"
Linus Torvalds hat auf der Kernel-Mailingliste ein Machtwort in der KI-Debatte gesprochen und sich so hinter die umstrittene Review-KI Sashiko gestellt. Ein Zwang zur KI folgt daraus nicht: Wer die Werkzeuge meidet, darf das weiterhin tun.
Ausgelöst hat den Streit eine Diskussion auf der Mailingliste des Media-Subsystems: Sollen die automatisierten Kommentare der Review-KI Sashiko direkt an die Einsender von Patches gehen, oder dürfen Entwickler sie abbestellen?
Der langjährige Kernel-Entwickler Laurent Pinchart sprach sich für ein Opt-out aus und verwies auf Empfehlungen der Software Freedom Conservancy vom 18. Juni 2026, wonach Open-Source-Projekte jene Entwickler respektieren sollten, welche KI ablehnen. Darin sah Torvalds eine grundsätzlich KI-feindliche Haltung.
Dass ausgerechnet er nun als Fürsprecher auftritt, lässt aufhorchen: Noch im Mai dieses Jahre hatte der Kernel-Chef und Linux-Erfinger die Security-Mailingliste wegen einer Flut an KI-Bug-Reports für praktisch unbedienbar erklärt, im Januar wiederum hielt er eine Debatte über KI-Schrott in der Kernel-Dokumentation für sinnlos.
Linus Torvalds stellt klar: Linux-Kernel ist kein Anti-KI-Projekt
Wer selbst Patches einreicht oder die Kernel-Entwicklung verfolgt, sollte die neue Linie kennen: Die Reviews, welche von einer agentischen KI ("Agentic AI") gestützt werden, bleiben Teil des Prozesses, über einen "Opt-out" entscheiden die Maintainer der jeweiligen Subsysteme dementsprechend weiterhin selbstverantwortlich.
Seine Nachricht vom 15. Juli 2026 beginnt der Chef-Entwickler mit dem Satz, dies sei ein Bereich, in dem er als oberster Maintainer den Fuß aufsetzen wolle, denn Linux gehöre "nicht zu den Anti-KI-Projekten", und wer damit ein Problem habe, könne auch problemlos "das Open-Source-Ding machen" und forken. Oder eben gehen.
Für Torvalds ist KI ein Werkzeug wie jedes andere
Torvalds stuft KI als Werkzeug ein, dessen Nutzen seit rund einem Jahr nicht mehr zur Debatte stehe. Vor zwölf Monaten sei das noch nicht eindeutig gewesen, heute stelle sich die Frage schlicht nicht mehr; wer daran zweifle, habe die Tools nie benutzt.
Offene Fragen sieht er indes an ganz anderer Stelle, etwa bei der Ökonomie hinter dem KI-Boom. Schmerzhaft könne die KI-Technologie trotzdem sein, sowohl für die Arbeitslast der Maintainer als auch deshalb, weil sie fortlaufend peinliche Fehler im bestehenden Code zutage fördert. Den Kopf in den Sand zu stecken und weiterhin einfach laut "La La La" zu singen, sei aber keine Lösung, so Torvalds weiter.
Sashiko findet die Hälfte aller Bugs, die Menschen übersehen
Sashiko fand in einem Test 53 Prozent von 1.000 realen Kernel-Bugs, die menschliche Reviewer zuvor allesamt übersehen hatten. Das agentische Review-System stammt von Roman Gushchin aus dem Kernel-Team des US-Konzerns Google und wurde erstmals im März 2026 auf der LKML vorgestellt.
Sashiko ist in Rust geschrieben, steht unter Apache-2.0-Lizenz und gehört inzwischen zur Linux Foundation, während Google das Token-Budget und die Infrastruktur das Projekts finanziert. Geprüft werden alle Patches an die LKML und gleich mehrere weitere Listen, primär mit Gemini 3.1 Pro, testweise auch mit Anthropic Claude.
Gushchin selbst hält eine Falsch-Positiv-Rate von etwa 20 Prozent für "einen vertretbaren Preis", solange das agentische KI-Werkzeug auch weiterhin die Mehrheit echter Fehler vor dem Merge abfängt.
Kein Zwang zur KI, aber auch kein Veto dagegen
Niemand im Kernel-Projekt muss KI einsetzen, Widerspruch gegen die Nutzung durch andere lässt Torvalds hingegen nicht gelten. Er werde Leute, die anderen den Einsatz ausreden wollen, "sehr laut ignorieren", schreibt er. Die Praxis fällt derweil je nach Subsystem unterschiedlich aus:
Theodore "Ted" Ts'o, Maintainer des ext4-Dateisystems, hält die Falsch-Positiv-Rate für niedrig genug, um Sashikos Ausgabe breiter zu verteilen, Andrew Morton möchte Antworten auf die KI-Kommentare sogar verpflichtend machen.
Im Media-Subsystem scheiterte hingegen der Versuch, die Reviews direkt auf die Entwicklerliste zu schicken: Halluzinierte Probleme verwirrten Einsender, die daraufhin menschliche Maintainer einschalteten und so zusätzliche Arbeit erzeugten.
Dass KI-Werkzeuge im Linux-Kernel durchaus tragen können, zeigte zuletzt der Fall, in dem KI bei der Pflege 19 Jahre alter Radeon-Treiber half.
Kein "Social Warrior"-Projekt: Technik schlägt Ideologie
Der Kernel sei nie ein Projekt für gesellschaftliche Anliegen gewesen und werde es auch nicht werden, stellt Torvalds klar. Der soziale Aspekt hinter der Open Source sei wichtig und motivierend, aber ein Nebeneffekt und nicht der Zweck des Projekts.
Man betreibe Open Source, weil daraus bessere Technik entstehe, nicht aus religiösen Gründen; Entscheidungen fielen nach technischem Verdienst, nicht aus Furcht vor neuen Werkzeugen und Technologien wie Künstlicher Intelligenz.
Wer auf die Schwächen von KI zeige, solle nebenbei in den Spiegel schauen, so Torvalds, denn auch natürliche Intelligenz sei nicht immer über alle Zweifel erhaben. Sein eigentliches Problem war ohnehin nie die KI, sondern die Schlamperei jener, die ungetesteten Output einreichen und die Nacharbeit den Maintainern überlassen.
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Quelle: Linux Kernel Mailing List via Linuxnews.de
