Technik und Design oder warum gute Grafik mehr erfordert als eine moderne Spiele-Engine - Ein Kommentar von Philipp Reuther
In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne textet ein PCGH-Redakteur über Hardware- oder Software-Themen, die ihn in der vergangenen Woche bewegt haben. Heute philosophiert Philipp Reuther über den schwammigen Oberbegriff Grafik und dass für eine überzeugende oder gar bewegende Optik in Spielen viel mehr gehört, als nur eine moderne Technik.
In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne berichtet ein Redakteur über ein IT-Thema, das ihn in der vergangenen Woche bewegt hat.
"Ich bin ein Grafik-Fetischist, das gebe ich gern zu. Ich mag technisch moderne Spiele, hohe Auflösungen und fein aufgelöste Texturen. Aber was ist eigentlich Grafik? Ist es die für ein Spiel verwendete Technik, also zum Beispiel hochmoderne Shader, polygonreiche Levelarchitektur, tesselierte Vegetation? Sagen wir mal so: Eine moderne Technik kann von Vorteil sein. Aber hinter einer guten Spiele-Grafik steckt noch viel mehr als nur eine gute Technik. Tatsächlich steht die Technik meiner Meinung nach sogar weit im Hintergrund.
Um dies zu Erläutern, schauen wir uns mal das etwas obskure Wort Grafik genauer an: Im mathematischen oder technischen Bereich ist eine Grafik meist eine schlichte Darstellung einer Funktion oder Formel. Eine mehr oder minder konkrete Abbildung einer naturwissenschaftlichen oder statistischen Begebenheit. Vom künstlerischen Aspekt ist eine Grafik eine individuelle, unabhängige und mehr oder minder abstrakte Abbildung, die nicht einmal zwangsweise die Realität zum Vorbild haben muss. Die Definition von Grafik ist damit extrem lose gestrickt und ist damit streng genommen ungeeignet, um damit ein spezifisches Charakteristikum eines Computerspiels zu etikettieren.
Doch bevor wir uns hier weiter in Definitionen verstricken, erkläre ich einfach mal meinen Standpunkt. Hier in diesem Artikel kann ich schließlich meine eigenen Eindrücke schildern, anstatt möglichst neutral zu bleiben. Für mich persönlich ist der technische Aspekt der Spiele-Grafik hochinteressant. Er steht aber deutlich hinter dem künstlerischen Aspekt. Richtig: Spiele-Grafik ist Kunst. Und auch wenn Technik begeistern kann, sie kann nur selten wirkliche Emotionen erzeugen. Für mich ist daher das Art-Design einer der wichtigsten Faktoren einer guten Spiele-Grafik. Ein gutes Beispiel für ein sehr bewegendes und emotionales Design ist Bioshock. In besonderem Maße Bioshock: Infinite und in nochmals gesteigert in dessen zweiteiligen DLC Burial at Sea. Die künstlerische Tiefe in diesem Titel ist beeindruckend: Die Lichtstimmung erinnert an impressionistische Kunstwerke von Claude Monet, ist zusätzlich an Art déco angelehnt und das Design der Architektur in Bioshock Infinite orientiert sich am Jugendstil. Und dies sind nur einige der künstlerischen Einflüsse. Hinzu kommt eine unglaubliche Liebe zum Detail. Nehmen wir mal ein paar Screenshots zur Demonstration:
Die ersten drei Shots stammen aus dem zweiten Teil des DLCs Burial at Sea. Man beachte das sorgfältige Arrangement der Objekte auf dem Café-Tisch im ersten Bild: Ein klassisches Stillleben. Das appetitlich wirkende Croissant, die sanfte Rundung des Weinglases, dessen rubinroter Schatten zudem einen warmen Kontrast zum kühlen Hellblau des Himmels formt und das sanfte Kräuseln des Rauches. Im Hintergrund formt die funkelnde Seine, der Eifelturm und die Gebäude im Jugenstil ein hinreißendes Postkartenmotiv. Und Bioshock stellt in diesem und den nachfolgenden Bildern auch ganz klar seinen künstlerischen Anspruch: Überall sind Maler, Musikanten und sogar etwas Performance-Kunst. Die virtuellen Künstler orientieren sich dabei wiederum an dem Art-Design des Spiels: Sie malen Szenen aus dem Spiel, meist im Impressionismus-Stil, an den die Farbgebung und Lichtstimmung der Szene wiederum stark erinnert. Auch ein Bild in Anlehnung an Claude Monets berühmte Seerosen-Motive findet sich bereits in den ersten Spielminuten. Schauen sie sich zum Vergleich das letzte Bild an: Dieses stammt aus dem ersten Teil des Add-Ons Burial at Sea. Hier wechselt die stilistische Richtung, die Farbgebung und auch die Architektur. Alles wirkt kühler, dunkler und akzentuierter. Dennoch handelt es sich zweifellos um Bioshock. Ein eindrucksvoller künstlerischer Spagat.
Bioshock ist für mich daher ein grafisches Meisterwerk. Technisch basiert es auf der Unreal Engine 3 und ist damit im bestenfalls durchschnittlich modern. Ganz anders als beispielsweise Crysis 3 oder Battlefield 4, die technisch in der obersten Liga spielen. Handwerklich gibt es dort zwar einige interessante, schön designte Szenen, stilistisch bewegen sich aber beide Spiele etwa auf dem Niveau eines Michael-Bay-Films: Die übersättigten Farben eines HDR-Fotos, hyperrealistische, von der echten Welt adaptierte Objekte und Figuren, sowie unzählige hochglänzende Oberflächen und Lens-Flares bis zum Abwinken. Natürlich steckt auch in dieser Art des Designs eine Menge Arbeit und es ist beeindruckend, was im Hintergrund von der Engine alles berechnet wird. Doch bei aller technischen Euphorie, die solch ein Titel auslösen kann, der hinterlassene Eindruck dieser Spiele ist kühl, distanziert und schnell vergessen. Die Liebe zum Detail, die Sorgsamkeit und die künstlerische Hingabe eines Bioshock dagegen ist deutlich intimer und bleibt lange erhalten.
Es gibt natürlich Spiele, die von einem realistischen Look profitieren, zum Beispiel Simulationen oder historische Titel. Doch ich für meinen Teil würde gerne mehr High-Profile-Titel mit einem deutlich artistischen, stilisierten Einschlag sehen. Am besten in Kombination mit einer aktuellen, potenten Engine, damit auch mein technisches Bedürfnis gestillt wird. Tatsächlich gibt es schon eine nicht unbedeutende Anzahl Titel mit eigenständigem, interessantem Art-Design, darunter etwa viele Online-Rollenspiele. Wie etwa das im Aufmacher exponierte Guild Wars 2. Doch kaum ein Titel hat mich künstlerisch so beeindruckt, wie Bioshock: Infinite. Leser dieses Artikels sind hiermit übrigens herzlich eingeladen, weitere Beispiele zu nennen."
Redaktions-Kolumne[/b]In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne textet ein PCGH-Redakteur über Hardware- oder Software-Themen, die ihn in der vergangenen Woche bewegt haben. Hierbei handelt es sich nicht zwingend um die Meinung der Redaktion, sondern um die Meinung des jeweiligen Redakteurs.



Die UE3 gehört aber dennoch nicht mehr zur technischen Oberklasse.
Die Bioshock Infinite Screenshots sind perfekt gefiltert, haben null Aliasing, keine ausgefransten Schatten etc.. Sie sind technisch nahezu perfekt. Und gerade an diesen Screenshots will der Autor belegen, dass Art Design vor Technik geht.
Die selben Screenshots möchte ich jetzt mal in pixeliger, ungefilterter Konsolengrafik sehen. Da stören die technischen Mängel das Art Design nämlich gewaltig, wie "sfc" schon ausgeführt hat.
Eine gute Technik ist natürlich hilfreich, um ein bestimmtes Art-Design zu verwirklichen. Vergleichbar mit einer größere Palette von Farben, die einem Maler zur Verfügung steht. Es kann zwar auch mit einer schwächeren Technik ein überzeugendes Art-Design realisiert werden, der Artist ist dann in seinen Möglichkeiten aber deutlich eingeschränkter und muss seine Stil eventuell an die Technik anpassen. Ich wollte mit dem Kommentar auch nicht behaupten, dass mit einem guten Art-Design eine schlechte Technik ausgeglichen werden kann. Da hast du mich falsch verstanden. Mir ging es um das genaue Gegenteil: Eine sehr gute technische Basis ist kein Garant für gute Grafik. Dazu gehört nämlich auch ein gutes Art-Design
Ich will mir Bioshock auch nicht auf der Konsole und in 720p mit reduzierten Details antun. Tatsächlich spiele ich mit Downsampling und Ini-Tweaks, wie sich das für einen Grafik-Freak gehört
Dazu kommen noch persönliche Vorlieben oder Abneigungen. Ich kann mit Animes absolut nichts anfangen, selbst wenn es perfekt umgesetzt wäre würde es mir nicht gefallen.
Bioshock wirkt stimmig, aber auch ein Borderlands, S.T.A.L.K.E.R, The Wicher, Crysis uvm. Klar altern Spiele mit realistischer Grafik deutlicher, aber das ist nur dann schlimm wenn es außer Grafik nichts zu bieten hat.
Edit (erst gesehen als schon abgesendet)
Rein optisch ist RAGE mit seiner gemalten Megatextur eine Klasse für sich, gefiel mir grafisch nach den Patches sehr gut. Optisch eher langlebig würde ich schätzen - zumindest einzigartig.
Naja und HL2 ist ja dann eher auf Realismus aus. Mit Mods und eigentlich auch ohne aber durchaus noch gut zu spielen, ohne das einen die Grafik den Spass verderben würde. Das Leveldesign machts hier glaub ich.
Hm, Crysis 1 und Stalker haben ja schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, aber auf wirklich lange Sicht hast Du schon recht, erscheinen gezeichnete Spiele eher noch frisch, als Foto-texturierte Spiele. Bei Dishonored fallen aber jetzt schon die schwachen Gesichtsanimationen auf finde ich. Schön gezeichnet, aber das Alter der Engine fällt heute schon auf - u.a. dank Tomb Raider und Crysis 3, die über die Mimik der Charaktere finde ich einiges mehr an Emotionen vermitteln, als Dishonored.
Wie geht es Dir mit RAGE oder HalfLife²?
Rein optisch ist RAGE mit seiner gemalten Megatextur eine Klasse für sich, gefiel mir grafisch nach den Patches sehr gut. Optisch eher langlebig würde ich schätzen - zumindest einzigartig.
Naja und HL2 ist ja dann eher auf Realismus aus. Mit Mods und eigentlich auch ohne aber durchaus noch gut zu spielen, ohne das einen die Grafik den Spass verderben würde. Das Leveldesign machts hier glaub ich.
Insgesamt muss man aber glaube ich auch bedenken, daß verschiedene 3D-Effekte, die im Laufe der Zeit dazugekommen sind, unterschiedlich stark auffallen. Auf Konsolen bezogen war z.B. der Unterschied in der Spielegrafik von der PS2 zur PS3 wesentlich auffälliger, als jetzt von der PS3 auf die PS4. Das läßt sich auch auf diverse DX Versionen beziehen. Seit geraumer Zeit kommen immer rechenaufwändigere Effekte in die Spiele, die immer weniger auffallen. Crysis 1 sieht ja immer noch topaktuell aus - quasi ein Next-Gen Spiel von vor 7 Jahren.
Wichtig ist finde ich eher Stimmigkeit, also Technik, Stil, Leveldesign, Characterdarstellung, Physik etc. als Mittel um das Spielprinzip und die Atmo zu fördern und zu ermöglichen. In einem Spiel mit Fokus auf Charakteren und Dialogen ist deren Mimik mehr zu beachten als die Physik, während es bei einem Actiongame eher umgekehrt ist. Hier trägt eine realistischere Physik mehr zur Atmo bei, als Mimik und sollte von daher mehr Recourcen zugeteilt bekommen. Eine moderne Engine ist zwar wünschenswert, aber braucht auch mehr Designarbeit um sie auszunutzen. Wenn das Gesamtpaket stimmt, ist sie aber nicht notwendig für ein schönes Spiel.
Ab einer gewissen Grenze ist es allerdings schon schwierig noch dauerhaft Spielspass zu haben finde ich. Es fehlen einfach zu viele Licht- und Schatteneffekte und auch Objekte. Bei 2D Spielen sieht die Sache allerdings ganz anders aus: hier können auch relativ alte Spiele noch gut aussehen.
Also eine Engine muss nicht immer die modernste sein, aber gewisse technische Standards sollten es dann finde ich doch sein, gerade was Beleuchtung an geht.
Gothic 3 ist für mich dann in Bezug auf Grafik in der Gothic-Reihe (ArcaniA gehört nun wirklich nicht dazu) noch der Höhepunkt. Auch wenn es auch aus technischer Sicht da noch relativ gut da stand.
Apropos: Ich will immernoch ein Gothic 5 sehen. Aber bitte nicht ArcaniA beachten. Jetzt wo es wieder den Fleischfressenden Fischchen gehört kann da ja nicht allzu viel schief gehen. Nun gut, außer sie wollen es wie Risen 2 aufziehen und noch eine - sogar viel wichtigere - Serie in den Dreck ziehen. Gothic hat nun wirklich genug gelitten
Die Bioshock Infinite Screenshots sind perfekt gefiltert, haben null Aliasing, keine ausgefransten Schatten etc.. Sie sind technisch nahezu perfekt. Und gerade an diesen Screenshots will der Autor belegen, dass Art Design vor Technik geht.
Die selben Screenshots möchte ich jetzt mal in pixeliger, ungefilterter Konsolengrafik sehen. Da stören die technischen Mängel das Art Design nämlich gewaltig, wie "sfc" schon ausgeführt hat.