Neue Audiophilie
In den Augen der Industrie hat die gute alte Audio-CD längst ausgedient. Zwei Technologien streiten um das Erbe der Silberscheibe: SACD und DVD-Audio.
Die Super-Audio-CD und die DVD-Audio sollen den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts gerecht werden. Die zwei konkurrierenden Technologien bieten nahezu gleiche Qualität zum selben Preis - zumindest, wenn es um die Medien geht. Doch leisten sie tatsächlich so viel mehr als die normale CD? Als hochauflösende Tonträger konzipiert, basieren beide Discs, DVD-Audio (DVDA) und Super-Audio-CD (SACD), auf der DVD-Technologie. Unterschiede gibt es beim Datei-System und dem Format der Audio-Informationen. Der maximale Frequenzgang beider Medien liegt bei 192 kHz, wodurch es möglich ist, Frequenzen von bis zu 100 kHz wiederzugeben. Da der Mensch aber maximal 20 kHz, im Erwachsenenalter sind 14-18 kHz realistischer, wahrnehmen kann, ist der Sinn dieser übertriebenen Beschallung fragwürdig. Audiophile Gehörwunder behaupten aber, einen Unterschied wahrzunehmen. Dafür gibt es allerdings keinen wissenschaftlichen oder technischen Nachweis. Einzig und alleine die Klangdynamik kann von so hohen Frequenzgängen profitieren. So erklingt der Ton von einer SACD mit theoretischen 120 dB und von einer DVDA mit 144 dB (CD = 96 dB). Allerdings gibt es momentan keine Anlage, die diese extremen Werte darstellen kann.
So bleiben nur wenige Pluspunkte, mit denen die neuen Technologien aufwarten können. Beide Medienarten sind mehrkanalton-fähig und besitzen die Möglichkeit, mehrere Stunden Musik in Stereo-CD-Qualität auf einem Datenträger unterzubringen. Ers-teres aber auch nur dann, wenn die Aufzeichnung in einem für Multichannel Mastering ausgestattetem Tonstudio erfolgt ist oder älteres Material noch als Mehrspuraufnahme vorliegt. Multichannel SACDs haben zusätzlich ein Riesen-Manko: Da es in SACD-Playern keine Vorrichtung zum Runtermischen von Mehrkanalton auf normalen Stereoton gibt, müssen auf einer Multichannel-SACD zwei Aufnahmen jeweils in Stereo und Multichannel vorhanden sein. Diese sind hintereinander auf der Scheibe als separate Sessions abgelegt.
Zum Thema Abwärtskompatibilität haben sich die Entwickler der SACD ebenfalls Gedanken gemacht. Das Ergebnis sind so genannte Hybrid-SACDs, die aus zwei Lagen bestehen: eine SACD- und eine CD-Ebene. Dadurch können die Medien auch in normalen CD-Spielern abgespielt werden - natürlich nur in gewohnter CD-Qualität. Die hier zu Lande von Sonopress angebotene DVD-Plus ist das inoffizielle DVD-Pendant zur Hybrid-SACD. Auch dieser Silberling besitzt zwei Schichten, einmal DVD und einmal CD, allerdings sind diese nicht untereinander, sondern jeweils auf den beiden Seiten der Scheibe verteilt. Die DVD-Plus ist eine Eigenentwicklung der Industrie und vom DVD-Forum nicht als Standard anerkannt.
Während die DVDA auf das von der CD her bewährte PCM-Abtastverfahren (Pulse Code Modulation) setzt - mit 24 statt 16 Bit - nutzt die SACD Digital Stream Direct (DSD). Hierbei werden die Informationen bitweise (1 Bit Datenbreite) mit einem erhöhten Frequenzgang von 2,8224 MHz abgetastet. Dadurch ist eine wesentlich detailliertere Informationsabtastung und Signalwandlung (Digital-Analog) möglich. Um die maximale, laut DVD-Spezifikation erlaubte Datenbandbreite von 9,8 MBit/s nicht zu überschreiten, kommt bei beiden Medien ein eigenes Kompressionsverfahren zum Einsatz. SACD setzt auf Digital Stream Transfer (DST) und DVDA auf Dolbys Meridian Lossless Packaging (MLP). Beides sind verlustfreie Kompressionsmethoden, die so genanntes Perceptual Coding nutzen, und eine Datenreduktion von maximal 75 Prozent erreichen.
Natürlich haben wir für Sie auch einen Hörtest gemacht. Bei unserem Vergleich kamen ein reiner SACD/CD-Spieler von Sony, der SCD-XE670 (UVP 999 Mark), ein DVD-Video-SACD/CD-Kombiplayer von Philips, SACD 1000 (UVP 3.999 Mark) sowie ein DVD-Video/Audio-Player von Panasonic, der RA-61, zum Einsatz (Straßenpreis ca. 850 Mark, inklusive zweier DVDA-Titel). Die Geräte waren an den multichannelfähigen Verstärker Sony STR-DB1070 mit Surround-Boxen Heco angeschlossen. Tatsächlich waren zwischen einer normalen CD und den hochwertigen Medien Unterschiede zu hören. Allerdings dürfte das eher an der besseren Aufzeichnung und der Mehrkanalwiedergabe liegen als an einer höheren Qualität. PC-Lösungen zum Abspielen von SACD und/oder DVD-Audio sind für die nahe Zukunft nicht in Sicht. Das beschränkt den audiophilen Hörgenuss auf die teueren Hi-Fi-Komponenten. Außerdem ist es noch nicht absehbar, wer von beiden Kontrahenten das Rennen machen wird. Systeme, die alle Medien abspielen (DVD-Video/Audio, SACD und CD), sind zudem extrem rar und teuer. Derzeit bieten lediglich Hersteller wie Pioneer und Apex in den USA Geräte an.
