[26/11/2021] Die Geforce RTX 4000 ... ist gewissermaßen ein Aufbruch. Das ist mir insbesondere bei der langen Frage-und-Antwort-Runde mit Jensen und einer Vielzahl weiterer Redakteure und Redakteurinnen und Fragestellern von unter anderem Marketwatch, dem Manager Magazin und Reuters bewusst geworden. Mit Ada Lovelace setzt Nvidia voll auf ihre proprietären Techniken. Gerade die Punkte neuronale Netzwerke, Support für Firmen bei der Nutzung von KI sowie der Automotive-Bereich lassen indes erkennen, dass Nvidia in Zukunft weniger als reiner Grafikkartenhersteller und Technologie-Entwickler verstanden werden möchte, sondern als Service-Dienstleister und Berater für andere Unternehmen. Ada Lovelace ist die nächste Generation Grafikkarte, aber auch die nächste Generation der Expansion. Dazu passt auch das Engagement in Sachen Omni- bzw. Metaverse, Augmented Reality und Content Creation.
Bei Letzterem gibt es darüber hinaus mit Remix einen Vorstoß in die Modding-Szene, die sich bislang Annäherungsversuchen von wirtschaftlicher Seite weitestgehend erwehren konnte. Nvidia versucht hier Fuß zu fassen und sich mit ihren Technologien in Prozesse einzubinden, eine Einbindung, die zu einem späteren Zeitpunkt dann wohl schwierig zu vermeiden wäre – ich bin mal gespannt, ob Nvidia da mehr Erfolg hat als andere Firmen, die Szene ist bislang ziemlich leidenschaftlich unabhängig. Case-in-Point: Zuletzt wurde DLSS von Moddern ja eher als Injektor für AMDs Konkurrenten FSR zweckentfremdet, die Modder haben also mithilfe von Nvidia AMD-Technologien verbreitet. Ein paar interessante Anwendungsgebiete gäbe es da aber schon, bin mal gespannt, wie sich das entwickelt.
Apropos Entwickeln: Allerdings erfordert unter anderem DLSS 3.0 sowie Nvidias neuronale Netzwerke und neue Technologien auch Hingabe in Form von Input seitens der Entwickler – die neuen Nvidia-Technologien sind zumindest teilweise so anders als bislang in breitem Maßstab genutzte Herangehensweisen, dass Entwickler spezifisch für den Support dieser Technologien Hand anlegen müssen – und zumindest aktuell wären diese Technologien für Ada Lovelace exklusiv. Niemand mit AMD-Hardware, niemand mit Intel-Hardware, niemand mit älterer Nvidia-GPU und keiner der Konsolenspieler kann Nvidias neue fancy Tech-Features nutzen. Da stellt sich aus meiner Sicht die Frage des Nutzens für den Entwickler – die bräuchten eine besondere Hingabe (in welcher Form sei einmal dahingestellt), um einzig und allein für Besitzer von RTX-4000er-GPUs zu entwickeln. Ein aktuell noch nicht einmal existierender, und wohl auch in näherer Zukunft wohl vergleichsweise verschwindend winziger Markt – aber beim Entwickler-motivieren war Nvidia bislang ja immer recht erfolgreich.
Zu den neuen Nvidia-GPUs selbst: Ja, sie sind viel zu teuer. Dieser Meinung bin offenkundig nicht nur ich, sondern auch viele der Kollegen in der Videokonferenz, die teils recht deutlich die hohen Preise kritisierten und Jensen bereits vor dem offiziellen Launch nach möglichen Preissenkungen löcherten (die Antwort war ablehnend). Persönlich mache mir (zumindest bislang) auch erst gar keine Gedanken bezüglich einer Anschaffung.
Ich bin allerdings sehr darauf gespannt, ob und in welchem Rahmen die Technologien Nvidias Versprechungen erfüllen werden. Technisch, oder genauer gesagt, was die verheißenden neuen Features betrifft, halte ich die RTX-4000er-Reihe für sehr spannend. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass neuronale Netzwerke, von der KI „hinzugedachte“ Frames, die Bildaufbereitung sowie KI-unterstützte Asset-Creation und mächtige Cloud-Dienste in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen werden. Ich bin allerdings ein wenig skeptisch, ob sich Nvidia hier so durchzusetzen vermögen, wie sie sich das aktuell offenkundig vorstellen. Gerade im Spiele- und Mainstream-Bereich sind viele der (neuen) RTX-Technologien exkludierend, selbst für ältere GPUs aus eigenem Hause. Solange solcherart Technologie aber nicht die Basis bildet und auch die Mehrheit der Spieler diese nutzen können, sehe ich eher keine flächendeckende Adaption. Aber vielleicht Inspiration – zumal auch einige andere große Player existieren, die nicht oder deutlich weniger stark auf fremde Hardware ausschließende Herangehensweisen setzen. Trotzdem: Ich freue mich tatsächlich auf die RTX 4090 und darauf, mit den ganzen neuen Features herumzuspielen. Aber meiner Freude steht eben auch kein Anschaffungspreis von exorbitanten 2.000 Euro im Wege und die Stromkosten für saufende GPU-Dickschiffe zahlt obendrein der Arbeitgeber. (Philipp Reuther)