WoW: Das Blizzard-Imperium schlägt zurück: Die nächste Phase des RMT-Krieges
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WoW: Das Blizzard-Imperium schlägt zurück: Die nächste Phase des RMT-Krieges

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Der Echtgeldhandel greift in WoW immer mehr um sich, sodass NetEase inzwischen regelmäßig zu öffentlicher Demütigung greift. Wie konnte es so weit kommen?

Der WoW-Pranger: Wie NetEase RMT-Käufer beschämt

So weit, so gut, doch die eben genannten Maßnahmen gelten vor allem für den Westen. In China weht ein deutlich rauerer Ton, denn hier hat Blizzards regionaler Vertriebspartner und WoW-Betreiber NetEase die Hände bis zum Erbrechen voll mit RMT-Problemen. Das liegt vor allem an den gigantischen (und von Presse und Wissenschaft gut belegten) Farming- und Botnetzwerken, die westliche und östliche MMORPGs gleichermaßen zirka seit dem Jahr 2000 als Einnahmequelle nutzen. Hinzu kommt, dass China tendenziell sehr große und dicht vernetzte Chat-Ökosysteme wie WeChat und QQ aufweist, welche den Vertrieb und die Abwicklung für die Echtgeldhändler drastisch erleichtern. All das führte dazu, dass NetEase im August 2024 den Betrieb von WoW, nach einer verhandlungsbedingten Zwangspause, wieder aufnahm und augenblicklich drakonische Maßnahmen ergriff.

Den Beginn machten monatliche "Kopfgelder" auf Cheater und RMT-Händler, bei denen erfolgreiche Reports mit Blizzard-Guthaben belohnt wurden, samt einer wöchentlichen Punktetabelle und Sonderpreisvergabe an die besten Kopfgeldjäger. Außerdem veröffentlichte NetEase zu dieser Zeit selbst auf den Plattformen WeChat und QQ Echtgeld-Kopfgelder für Hinweise auf die Produktions-, Verkaufs- oder Vertriebsinfrastruktur von RMT-, Cheat- oder Botnetzwerken, die regelmäßig beeindruckende Auszahlungen von bis zu 14.000 $ erreichten. Noch einmal mit Gefühl: Wir reden hier von ECHTEM GELD, nicht Blizzard-Guthaben! Als zuckersüße Kirsche auf seltsamen Kuchen aus Gerechtigkeit und Übergriffigkeit lief das Ganze unter dem Motto "Die Reinigung Azeroths".

Im Jahr 2025 weitete NetEase ihr "Reinigungsprogramm" aus, indem sie nicht nur die Accounts der Händler sperrten, sondern auch direkt in die Charaktere der Käufer eingriffen: Mehr als 57.000 Accounts wurden umfassend von allen mit Echtgeld in Verbindung geratenen Items, Titeln, Reittieren und Belohnungen der großen Schatzkammer befreit. Auch das "Win-Trading" im PvP wurde in dieser Weise bestraft und jegliche Chance, den Gladiator-Titel oder das betreffende Mount zu erspielen, für eine Saison geblockt. Im gleichen Atemzug gab NetEase bekannt, dass sich die Strafmechaniken auf den gesamten Account der betroffenen Spieler erstreckten. Es half weder, seine Schatzkammerbelohnungen aufzusparen, noch den Namen zu wechseln, noch einen Servertransfer zu bezahlen.

All das wurde von einem Winkelzug gekrönt, der bisher noch nie dagewesen war: Die Namen und Accounts derjenigen Spieler, die sich an Echtgeldgeschäften beteiligten, wurden in insgesamt 232 Seiten an PDF-Dokumenten auf der chinesischen World-of-Warcraft-Website veröffentlicht. Damit schlägt NetEase nicht nur mit einem Ban-Hammer um sich, in der Hoffnung, jemanden Wichtigen zu treffen - sie attackieren direkt den Grund, weshalb sich Spieler an RMT-Geschäften beteiligen, nämlich Items, Ruhm und Anerkennung. Nicht nur das, sie stellen die Täter sogar an den Pranger, sodass die Wirkung ins Gegenteil umgekehrt wird: Seht her, dieser Spieler war nicht gut genug! Er wollte sich den Erfolg kaufen, den ihr euch ehrlich erspielt habt! Zeigt mit dem Finger auf ihn und lacht!

Hilft das überhaupt? Und noch viel wichtiger: Ist das überhaupt legal?!

Wir nehmen die Frage nach der Legalität einfach einmal vorweg, weil sie recht wichtig ist: Nein, hierzulande wäre das Ganze definitiv nicht legal, denn unter der DSGVO (Datenschutzgrundverordnung) braucht es laut Artikel 6 eine freiwillige Einwilligung, ein "berechtigtes Interesse mit strenger Abwägung" oder, laut Artikel 5, eine "Erforderlichkeit". Blizzard könnte diese zwar einfordern, würde aber vor die Mauer deutscher Aufsichtsbehörden rasseln, welche sehr explizit die "Prangerwirkung privater Listen" anzweifeln und jede erzwungene Veröffentlichung wahrscheinlich mit Unterlassungserklärungen, Schadenersatz und Bußgeldern ahnden würden.

Im Jahr 2024 bestätigte der Bundesgerichtshof sogar, dass allein der "Kontrollverlust über Daten" einen ausreichenden Grund für "immateriellen Schadenersatz" darstellen kann. Blizzard greift also stattdessen zu stillen Methoden, wie Sperrungen und der Löschung von Achievements, ohne jedoch eine Defamationsklage zu riskieren.

In China sieht die Rechtslage ein wenig anders aus: Seit 2021 wurde hier das PIPL (Personal Information Protection Law) erlassen, das Privatpersonen vor Eingriffen in ihre persönlichen Angelegenheiten schützt. Auch hier muss entweder die Zustimmung der Betroffenen eingeholt werden, eine gesetzliche Pflicht zur Offenlegung bestehen oder eine Berichterstattung über persönliche Daten im öffentlichen Interesse sein - sehr ähnlich, wie es hierzulande gehandhabt wird. Eine Klausel, die ein "berechtigtes Interesse vonseiten Unternehmen" an euren persönlichen Daten festhält, wie sie in Deutschland besteht, gibt es in China übrigens nicht!

Aus Chats wie diesem erkennt man gut, dass selbst der Ban-Hammer immer wieder für Mehraufwand sorgt, weil Blizzard niemanden grundlos betrafen will. Quelle: Blizzard Aus Chats wie diesem erkennt man gut, dass selbst der Ban-Hammer immer wieder für Mehraufwand sorgt, weil Blizzard niemanden grundlos betrafen will. Noch einmal mit Gefühl: Wenn in China nicht vertraglich festgehalten wurde, dass ein gegebenes Unternehmen eure Daten verarbeiten darf, macht es sich strafbar, wenn es darauf zugreift. In der chinesischen Variante der Datenschutzerklärung von Blizzard/NetEase steht dementsprechend sehr deutlich, dass "personenbezogene Daten zur Durchsetzung der Nutzungsbedingungen und zur Bekämpfung von Cheating/Betrug verarbeitet und in speziellen Fällen offengelegt" werden dürfen. Charakternamen werden in den Listen durch clever gesetzte Asterisken so weit maskiert, dass nur diejenigen den Namen erkennen, die wirklich mit dem Spieler zu tun haben (also dann, wenn es wirklich weh tut), während keinerlei Echtwelt-Namen auf den Listen landen.

Das passt gerade so in den engen Rahmen des PIPL und wird dementsprechend nicht von den Behörden beanstandet. Achtung: Das bedeutet nicht, dass diese Vorgehensweise von NetEase nicht vor Gericht angreifbar wäre - bisher ist es aber nicht dazu gekommen, weil das Vorgehen der Betreiber unter einem Großteil der ehrlichen Spieler auf Zustimmung stößt.

Hardcore-Whales, sprich Großverdiener, die im Zweifelsfall für 5.000 € einen ganzen Account hochspielen lassen, sind davon kaum betroffen, denn ihnen geht es nicht darum, einen bestimmten Charakter zu verbessern - das Ziel ist es einfach nur, einen perfekten Charakter in den Hauptstädten auszufahren und bewundern zu lassen, ähnlich einem teuren Sportwagen. Die kurzfristige Wirkung unter Gelegenheitskäufern war, laut der Berichterstattung chinesischer Spieler allerdings sofort spürbar: Spieler, die sich ansonsten für 50 € bis 100 € ein wenig Fortschritt oder einen Titel gekauft hätten, tragen nun ein massives Risiko, am Pranger zu enden, samt der Aussicht, selbst Monate später, alles zu verlieren, das auch nur am Rande mit RMT in Kontakt kam.

Das ist auch das Ziel dieser Kampagne, denn NetEase hat verstanden, dass großflächige Bans einfach nur darauf hinauslaufen, dass die RMT-Betreiber neue Accounts eröffnen. Stattdessen greift man zu öffentlichem Abschreckungstheater, das klarstellen soll: "Vielleicht schaffst du es kurzfristig, damit durchzukommen, vielleicht nicht. Aber früher oder später sehen alle, wer du wirklich bist." Nehmen wir wieder das Netflix-Beispiel, wird die WoW-Marke mit einem Mal deutlich attraktiver, weil sie weniger Reibung, Risiko und Stress voraussetzt. Sie ist zwar deutlich teurer als das RMT-Gold, kauft aber im Kern exakt das Prestige, das Spieler haben wollen, die sich gerne boosten lassen. NetEase schlägt mit ihrem Hammer auf die Geldbörse und das Ansehen der Spieler ein, nicht auf ihren Account.

Hat NetEase also alles richtig gemacht?

Uff, schwierig. Wenn man der Spielermeinung auf dieser Seite des Globus lauscht, dann sieht es fast so aus, denn auch in Europa- und US-Foren werden derzeit vermehrt Stimmen laut, die sich eine ähnliche Herangehensweise wünschen. Das ist verständlich, denn die RMT-Seller selbst interessieren sich einen Dreck für World of Warcraft. Einschlägige Anbieter bieten kein Boosting für Echtgeld an, weil sie "das Spiel lieben und ihrer Community für ein Trinkgeld helfen wollen", im Gegenteil: Eine Kulisse voller wertloser Erfolge, die von Leuten angeboten werden, die einfach nur einen weiteren Job abstottern, stellt das beste Rezept für ein sterbendes MMORPG dar.

Öffentlich entehrt, die Flagge beschmutzt, Schande über eure Familie: Die Vorgehensweise von NetEase ist zweifellos effektiv, aber nicht ganz bedenkenlos. Quelle: Blizzard Öffentlich entehrt, die Flagge beschmutzt, Schande über eure Familie: Die Vorgehensweise von NetEase ist zweifellos effektiv, aber nicht ganz bedenkenlos. Dabei geht es nicht ausschließlich um die tatsächliche, sondern um die wahrgenommene Menge an RMT - kein normaler Spieler will seine Zeit nämlich langfristig in einen Titel investieren, der genauso viele Boosting-Sites wie Guide- oder Fan-Websites aufweist. Harte Worte, kompromissloses Vorgehen und öffentliche Ächtung arbeiten dieser negativen Wahrnehmung entgegen und tun gut: Die Bösen werden bestraft, die Unschuldigen beschützt. Stille Strafen schrecken nicht ab, also wird man eben laut. Frieden schaffen, durch überlegene Waffen.

Der Nachteil daran ist natürlich, dass es immer einen schalen Geschmack auf der Zunge zurücklässt, wenn ein Megakonzern seine Anwälte zusammentrommelt und zeigt, wer die größten Knarren im Internet besitzt, denn es ist ganz sicher nicht der Kunde. Ihr verstoßt gegen die EULA? Euer Server- und Charaktername wird, für alle sichtbar, auf der Website veröffentlicht. Ihr kauft in einem schwachen Moment einen Schlachtzug-Run für euer monatliches Spaß-Geld? Jeder in eurer Gilde weiß jetzt, was ihr privat tut. Ihr denkt, dass ihr und eure Daten vom Gesetz geschützt werden?

Wie wir nun sehen, ist das Gesetz leider oft dazu da, um die Interessen der Geldgeber zu schützen, denn genau darum geht es in dieser Strafexpedition. Blizzard und NetEase schützen ihre Interessen, die sich in diesem Fall zufälligerweise ziemlich exakt mit den euren überschneiden. Wie immer gilt: Wer das Richtige aus den falschen Gründen tut, stellt in der Regel die Sünder an den Pranger ... aber nicht das System, das sie hervorgebracht hat. Wir jedenfalls, werden die weiteren Entwicklungen in diesem Fall sehr aufmerksam verfolgen.

Blei zu Gold: Wie sich der Echtgeldhandel wandelte

Wir beginnen im Jahr 2004. Eine unschuldige Zeit, in der Echtgeldhändler und Booster nach den Accountdaten ihrer Kunden fragten ... und sich in der Hälfte aller Fälle nie wieder zurückmeldeten. Das lag nicht nur an dem damals verhältnismäßig kostenintensiven Unterhalt eines WoW-Accounts, sondern auch an einer weiteren Geldquelle, die inzwischen nicht mehr lohnenswert ist: dem Verkauf hochleveliger Accounts. Warum sollte man noch ein WoW-Konto mit tollen Gegenständen und hochstufigen Charakteren kaufen, wenn man für Stufe 80 nicht einmal drei Tage braucht und alle Gegenstände innerhalb eines Jahres komplett entwertet werden?

Im Zweifelsfall verkaufte man einfach die Gegenstände des geklauten Accounts und ließ ihn dann wieder fallen. Insbesondere der Keylogger ".ani cursor" war um 2007 herum berüchtigt für tausende gestohlener WoW-Accounts, die im Anschluss leergeräumt wurden. Der Chat-Spam war bis zu diesem Zeitpunkt fast die alleinige Art und Weise der Werbung.

Hier kommt das Gold her, dass ihr bei einschlägigen Websites kauft. Wo vorher Accounts geklaut wurden, werden nun Bot-Armeen eingesetzt. Quelle: Blizzard Hier kommt das Gold her, dass ihr bei einschlägigen Websites kauft. Wo vorher Accounts geklaut wurden, werden nun Bot-Armeen eingesetzt. Gegen 2009 wurde der RMT-Markt langsam "erwachsener" und versuchte, sich von der Bot- und Diebstahl-Szene von damals zu distanzieren. Durch stärkere Ban-Wellen verlagerte sich der Verkauf auf Mittelsmänner und externe Plattformen; Lieferungen wurden durch "Kurier-" oder "Mule-Accounts" vorgenommen. Anstelle von Rohgold und Accounts werden Boosting-Services immer beliebter und stellen damit einen weiteren Grund dar, dem Kunden das Geld durch pseudo-respektable Dienste freiwillig aus der Tasche zu leiern, anstatt ihm einfach seinen Account zu klauen.

Im Jahr 2015 kristallisierten sich Hochglanzwebsites heraus, die oft über spezialisierte Discords und Verwaltungskonten arbeiteten. Ähnlich der Mafia verlagerte sich das illegale Geschäft von direkten Straftaten, die einzelne Spieler direkt betrafen, hin zu groß angelegten, mit hübschen Bildern versehenen Meta-Geschäften, die oft als "Abkürzung" gegenüber offiziellen Wegen gesehen wurden - und so abstrakt waren, dass die Spieler zum einen den Accountdiebstahl von früher vergaßen und zum anderen gar nicht mehr überblicken konnten, wo das Gold herkam und warum sein Kauf ihrem Lieblingsspiel schaden sollte. Nach dem Verbot von Mittelsmännern, Remote-Access-Lösungen und organisierten Gold-Discords im Jahr 2022 passen sich die Organisationen auf eine von drei Arten an: Entweder sie verschoben ihr Geschäft auf kleinere Discords, sie verlagerten ihre Website, Geschäftsadresse und Kontakt ins osteuropäische Ausland oder sie versteckten sich in aller Öffentlichkeit.

Der dritte Punkt sorgt immer noch für einige Diskussion, denn das Frontend vieler RMT-Händler stellen derzeit Gilden dar, die ihre Dienste im Channel "Handel (Dienstleistungen)" anbieten. Ist deshalb jede Gilde, die Boosting für Gold anbietet, ein Teil einer schattenhaften RMT-Kabale? Natürlich nicht. Fakt bleibt jedoch, dass diese Variante einen der letzten, öffentlichkeitswirksamen Auswege für Echtgeldhändler bietet.

Die eher subversiven Goldschieber-Methoden, die heutzutage immer noch gefahren werden, beschränken sich in der Regel auf drei Abwicklungsarten: Erstens werden ein Dutzend Mule-Accounts benutzt, um das Gold gestaffelt und über Tage hinweg an den Kunden zu bringen. Das dauert lange, funktioniert aber besser als die seit langem von Blizzard überwachte "5.000.000-Gold-per-Post"-Methode. Zweitens werden immer noch gerne gigantische Preise im Auktionshaus vom Käufer eingestellt, die dann vom Lieferanten "bezahlt" werden - riskant, weil die automatisierten Systeme auch hier sehr schnell anspringen.

Als Drittes wird eine Menge Gold über die "Trinkgelder" des neuen Crafting-Systems bewegt, welches zwar ebenfalls unter Beobachtung steht, aber immer noch eine höhere Erfolgsquote aufweist als die Auktionshaus-Methode. Wenn ihr jetzt denkt, dass wir hier eine Anleitung für die besten Arten und Weisen des Echtgeld-Goldhandels abdrucken, müssen wir euch leider enttäuschen. Blizzard verbessert ihre Erkennungsheuristik derzeit dramatisch ... und wir werden hier ganz sicher nicht die besten Tricks auflisten, denn Blizzard weiß, wo wir wohnen.

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