Interview: Startnext-Mitgründer Kreßner zum Thema Crowdfunding - "Deutschland 2 Jahre hinter USA"
Crowdfunding gewinnt als Frühphasenfinanzierungskonzept von innovativen Ideen zunehmend an Bedeutung. Neben dem Branchen-Primus Kickstarter existieren aber noch eine Reihe deutscher Crowdfunding-Plattformen. Die größte deutsche Plattform ist Startnext.de. Tino Kreßner, Mitbegründer von Startnext, beantwortete gegenüber PC Games Hardware eine Reihe von Fragen, beispielsweise wie sich Startnext finanziert, ob gespendete Gelder insolvenzfest angelegt sind oder ob und wie sichergestellt wird, dass Projekt-Starter ihre beworbenen Projekte fertig stellen.
Hinter Crowdfunding ("Crowd" = Menschenmenge; "funding" = Finanzierung) steckt eine neue und weitestgehend ungebundene Art der Finanzierung. Ein Unternehmen mit einer aussichtsreichen Geschäftsidee ("Inserent") erstellt auf den jeweiligen Internet-Plattformen ("Plattform-Betreiber") ein Inserat, das die Idee und Realisierung beschreibt. Privatpersonen, wie auch interessierte Unternehmen ("Unterstützer") können dann über die Plattform-Betreiber an den Inserenten "spenden", wenn ihnen das Projekt gefällt. Die Zahlung erfolgt zumeist über Zahlungsdienste wie Paypal, allerdings erst, wenn eine vom Inserenten vorgegebene Mindestsumme erreicht wurde. Wird die Mindestsumme nach einer festgelegten Zeit nicht erreicht, erfolgt keine Auszahlung. PC Games Hardware beleuchtet in der Ausgabe 01/2013 (ab dem 5. Dezember 2012 erhältlich an jedem Kiosk) das Thema Crowdfunding in einem umfangreichen Artikel. Schwerpunkt ist die bisher noch kaum betrachtete Rechtslage.
Startnext-Gründer Tino Kreßner erklärte sich uns gegenüber bereit, einige Fragen in bezug auf Startnext zu beantworten und gewährte uns so einen Einblick in die Finanzierung von Crowdfunding-Plattformen und das rechtliche Umfeld, in dem sich Crowdfunding-Plattformen bewegen müssen.
Erklären Sie bitte kurz das Prinzip hinter Startnext und Crowdfunding. Was macht Crowdfunding als Frühphasenfinanzierung so erfolgreich?
Mit Crowdfunding frage ich nicht mehr eine Person oder ein Unternehmen nach Geld, sondern eine Menge (Crowd) an Menschen. Dabei entstehen viele Effekte: Marktforschung und Potenzialanalyse - wie viele Menschen sind bereit für mein Produkt/Projekt zu bezahlen, wie kommt es bei der Zielgruppe an. Weiterhin entstehen durch die Vielzahl an Geldgebern Netzwerkeffekte – Unterstützer bringen KnowHow, Kontakte und Ideen mit ein. Da das Projekt stark über Social Media Kanäle kommuniziert wird, findet bereits in der Finanzierungsphase Mundpropaganda und damit Promotion statt.
Wo sehen Sie die deutschen Crowdfunding-Plattformen im Vergleich zu den großen US-amerikanischen Vertretern wie Kickstarter?
Deutschland ist in vielen technologischen Entwicklungen im Bereich Online ca. 2 Jahre hinter den USA.
Hier haben fast alle US-Bürger Kreditkarten, nutzen Online-Payment und haben aber mit 445 Mio. USD für Kulturprojekte eine wenig ausgebaute Förderlandschaft. In Deutschland haben nur ca. 25% der Deutschen eine Kreditkarte und die Fundraising-Kultur ist nicht etabliert. Deutsche spendeten bislang nur 29 Mio. € privat für Kulturprojekte - in den USA sind es 12,3 Mrd. USD. In der Infografik (http://www.startnext.de/infografik.html) wird aber die Entwicklung des Themas in Deutschland deutlich.
Startnext ist als (gemeinnützige) Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt) organisiert. Was war ausschlaggebend für die Wahl einer erst seit 2008 bestehenden Gesellschaftsform, die mit einem Haftkapital von einem Euro gegründet werden kann? Wie sind die Erfahrungen?
Mit Startnext.de haben wir den Anspruch, ein Social Business aufzubauen und nachhaltige Strukturen zur Förderung der Kultur- und Kreativlandschaft zu schaffen. Bei Startnext gibt es einen sog. Crowdfonds und ein Advisory Board – also auch wir finanzieren selbst Projekte mit. Wir wollten von Beginn an das Signal setzen, dass Startnext nicht von großen Investoren übernommen werden kann und wir keine Exit-Strategie damit verfolgen. Bzgl. der Haftung liegen die Gelder der Projekte hingegen auf insolvenzsicheren Treuhandkonten und laufen unabhängig von unserem Geschäftsbetrieb.
Wie finanziert sich Startnext? Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass bei einer dreiköpfigen Mitarbeiterzahl monatliche Kosten von 10.000 Euro entstehen. Zur Deckung alleine über Provisionen (10 Prozent der Gesamtsumme) müssten 100.000 Euro an gespendeten Geldern zusammenkommen.
Im Oktober sind knapp über 250.000 € über die Plattform geflossen. Da wir mit einer freiwilligen Provision arbeiten, liegt unser Durchschnitt eher bei 4-5%. Zudem bieten wir ein Freemium-Modell an und binden nach und nach Premiumservices (Kampagnendesign, Einrichtung Social Media-Channels, ausführliche Kampagnenberatung, …) und Premiumfeatures (Web2print Dienste wie Postkarten, Sticker, Pressemappe) an.
Die Abwicklung von Zahlungsdiensten kann eine BaFin-Lizenz nach dem ZAG erfordern. Zuletzt wurde dies in der Rechtsprechung in Bezug auf Online-Lieferdienste bejaht (Landgericht Köln, Urteil vom 29.09.2011, Az.: O 91/11 im Fall Lieferheld.de). Sehen Sie dahingehend auch eine Pflicht für Crowdfunding-Plattformen, die Geld vereinnahmen?
Der Kapitalmarkt ist in Deutschland sehr stark reguliert – vor allem zum Schutz der Bundesbürger. Wir haben gemeinsam mit der Fidor Bank ein ZAG-konformes System geschaffen, wodurch wir in der Kooperation bei der Abwicklung der Zahlungsvorgänge selbst keine BaFin-Lizenz benötigen. Die Gelder befinden sich auf insolvenzsicheren Treuhandkonten bei der Fidor Bank.
Hinsichtlich der Insolvenzfestigkeit von Geldern der Unterstützer: Wie werden die Gelder der Unterstützer in der Zeit zwischen Überweisung und Folge- bzw. Rücküberweisung an den Projekt-Starter bzw. Unterstützer "zwischengeparkt"? Besteht ein Treuhandverhältnis und können die Unterstützer im Falle einer Insolvenz von Startnext ihre Gelder in vollem Umfang zurückerhalten?
Die Gelder liegen auf einem insolvenzsischeren Treuhandkonto bei der Fidor Bank. Die Fidor Bank hat eine Vollbanklizenz und nimmt am Einlagensicherungsfonds teil. Selbst wenn Startnext zahlungsunfähig werden sollte, sind die Projektgelder davon nicht betroffen.
Wie stellt Startnext die Verifikation der Projekt-Starter sicher? Was wird in Bezug auf das Sicherstellen der Vollendung der vorgestellten Projekte getan?
Alle Projekte werden per PostIdent legitimiert. Über die Kooperation mit der Fidor Bank müssen Starter ein vorhandenes Referenzkonto hinterlegen. In Bezug auf die Sicherstellung der Vollendung der Projekterfolge kann Startnext erstmal nur ähnlich wie viele Förderanstalten arbeiten. Nur fragen wir nicht als Unternehmen nach regelmäßigen Reports, sondern die vielen Hundert User sind am Projektfortschritt erfolgt. Der Starter setzt beim Crowdfunding seine komplette Online-Reputation ein und hat daher nach ersten Untersuchungen sogar einen viel höheren Antrieb das Projekt erfolgreich zu vollenden, als wenn nur eine Organisation Geld gegeben hat.
Was empfehlen Sie potenziellen Unterstützern, wenn Unsicherheiten gegenüber einem Projekt-Starter bestehen? Gibt es Möglichkeiten, sich mit dem Projekt-Starter auszutauschen?
Wir haben ein sehr umfangreiches Message-Modul entwickelt, über das Starter und Supporter bzw. Interessierte miteinander kommunizieren können. Weiterhin gibt es eine Pinnwand, wo Fragen öffentlich gestellt werden können.
Wie die meisten Crowdfunding-Plattformen bietet auch Startnext die Möglichkeit ein "Dankeschön" ("pledge") seitens des Projekt-Starters an den Unterstützer zu richten. Wie informiert Startnext die Unterstützer hinsichtlich etwaiger Vertragsarten und Fallstricke, die durch ein "Dankeschön" entstehen können (Schenkungs-, Kauf-, Werk-, Dienstvertrag)?
Aktuell verweisen wir noch sehr stark auf Steuerberater oder auf den umfangreichen Artikel unseres Steuerberaters im co:funding Handbuch. Weiterhin sind wir aber bestrebt weitere Steuerberater zu Whitepaper zu bewegen. Wir selbst dürfen als Startnext keine Steuer- oder Rechtsberatung durchführen.
Die Rechtslage in Bezug auf Crowdfunding in Deutschland ist weitestgehend ungeklärt. Wünschen Sie sich detailliertere Regelungen und wenn ja, welche?
Die vorhandenen Gesetze in Deutschland können ebenso für die Crowdfunding-Prozesse herangezogen werden. Natürlich wäre es hilfreich, wenn es konkrete Crowdfunding-Gesetze gebe, um die Fragestellungen schneller abstrahieren zu können.
Weiterführende Links: Startnext.de, Startnext.at

Nettes Interview.
Aber statt das als Anbieter einzusehen, meckert man lieber herum. Neben der Kreditkarte gibt es noch andere weit verbreitete Beizahlverfahren wie etwa die klassische Überweisung. Inzwischen gibt es auch eine Vielzahl mehr oder weniger großen Prepaidanbieter.
Warum speziell die Anbieter aus den USA dies nicht nutzen, ist mir ein Rätsel.
Das hier Croud, Fundraising, oder wie auch immer hier nicht etabliert ist, ist natürlich nochmal ein anderes Thema. Nur wenn man dem Kunden kein für ihn adäquates Zahlungsmittel anbietet, wird sich daran wohl kaum etwas ändern.
Danke für das Interview! Ich beschäftige mich gerade in meiner Bachelor-Thesis mit diesem Thema. Schön zu sehen, dass Crowdfunding immer populärer wird!
Wieso? Wir haben doch hier rücksichtsloses, radikales und totales Krautfouding