Im Auge des Sturms: 6 Erkenntnisse zur E3 2017 - Ein Kommentar von Roland Austinat
Unser US-Korrespondent Roland Austinat kämpfte sich einmal mehr durch überfüllte Messehallen und Pressekonferenzen der Electronic Entertainment Expo. Hier seine Gedanken über die 23. Ausgabe der E3, die in mancherlei Hinsicht wie ein Pausenfüller wirkte.
Eine wilde Woche im Juni: Dank 15.000 verkaufter Fan-Tickets versammelten sich rund 68.000 Besucher in Los Angeles, um auf der 23. Electronic Entertainment Expo die neuesten Spiele-Highlights zu bestaunen. Doch viele Hersteller schielten eher auf den perfekten Kamerawinkel als darauf, echte Überraschungen zu präsentieren. Und manch einer feierte an den drei Pressekonferenz- und Fan-Tagen vor dem Messebeginn statt der Spiele lieber sich selbst.
1. Die Pressekonferenzen
Noch vor fünf Jahren lief es so: Am Montag vor der E3 zeigen Microsoft, Electronic Arts, Ubisoft und Sony, was sie an Spielen und Hardware in der Pipeline haben. Am Dienstagmorgen folgt dann Nintendo, dann öffnet die Messe und schließt am Donnerstagabend wieder bis zum nächsten Jahr ihre Tore. Im letzten Jahr baten Electronic Arts und Bethesda bereits am Sonntag zur Audienz, dieses Jahr belegte EA sogar schon den Samstag. Nur: Was die versammelten Pressevertreter und Finanzanalysten zu sehen bekamen, ging über glorifizierte Trailer fast nicht hinaus. Auf fünf Pressekonferenzen wurden genau zwei Spiele live gespielt: Forza Motorsports 7 bei Microsofts sonntäglicher Veranstaltung und tags zuvor Star Wars Battlefront 2.
Microsofts Phil Spencer kündigte vollmundig 42 Spiele, davon 22 Exklusivtitel für die Xbox One beziehungsweise die 499 US-Dollar teure 4K-Konsole Xbox One X - XOX? - an. Die soll anders als PS4 Pro echte 4K-Grafik auf den entsprechenden Fernseher bringen. Aber an Eigenproduktionen haperte es bei den Mannen aus Redmond: Neben Forza Motorsports 7, dem Mehrspieler-Piraten-Cartoon Sea of Thieves, den Action-Titeln State of Decay 2 und Crackdown 3 füllten Indie-Spiele wie The Last Night oder Ori and the Will of the Wisps und ein paar Partner-Produkte das Portfolio, darunter Metro Exodus und das spektakuläre Anthem von BioWare. Die Ankündigung, dass per Emulation bald Spiele der Ur-Xbox auf der Xbox One laufen sollen, war für manche das größte Highlight der Pressekonferenz. Ebenfalls cool: eine 4K-Update für Minecraft und die Tatsache, dass bald Mobil-, PC- und Konsolenspieler gemeinsam Abenteuer in der Klötzchenwelt verbringen können.
Bethesda hatte die wohl ausgefallenste Idee: Statt einer traditionellen Pressekonferenz verwandelte der Publisher ein Freigelände in Downtown Los Angeles in einen Vergnügungspark namens Bethesdaland. Dessen Attraktionen passten thematisch zu den hauseigenen Spielen - so gab es etwa ein The-Evil-Within-Spukhaus, in dem man gruselige Fotos von sich selbst und den Kreaturen des Horrorspiels machen durfte. Das Bethesdaland war allerdings so populär, dass sich selbst zwei Stunden vor der Bühnenshow überall längste Schlangen gebildet hatten. Nach Einbruch der Dunkelheit gab es dann eine 45 Minuten lange Trailerparade. Mit dabei: die zwei brandneuen Spiele Wolfenstein 2: The New Colossus und The Evil Within 2, die ohne das Hauptspiel lauffähige Erweiterung Dishonored: Death of the Outsider, die Elder-Scrolls-Legends-Erweiterung Heroes of Skyrim, Skyrim für PSVR und Nintendo Switch sowie das Modding-Kit Creation Club für Skyrim und Fallout 4. Diese mussten die Besucher im Stehen bestaunen - viele Pressevertreter machten aus der Not eine Tugend und ihre Notizen auf dem Smartphone.
Quelle: PC Games Hardware
Electronic Arts führte den hauseigenen EA-Play-Event in Hollywood durch. In den runden "Creator Caves" konnten YouTuber direkt ihre Beiträge für ihre Abonnenten bearbeiten und hochladen.
Ubisoft inszenierte hingegen ein Spektakel vom alten Schlag. Los ging der Presse-Event mit einer Demo von Mario+Rabbids Kingdom Battle, zu der Nintendo-Großmeister Shigeru Miyamoto unter stehenden Ovationen zum Ubisoft-Gründer Yves Guillemot auf die Bühne stürmte. Dann folgten elf weitere, zumeist brandneue Spiele, etwa das Multiplayer-Piratenspektakel Skull & Bones, das Weltraumspiel Starlink: Battle of Atlas mit Raumschiffen, die man auf dem Controller zusammenbaut, und der VR-Thriller Transference. Den Abschluss machte Beyond Good and Evil 2 mit einem sichtlich gerührten Michel "Rayman" Ancel. Nach der Show gab es sogar kleine Ubisoft-Cupcakes und eine Rabbids-Figur nebst einer Smartphone-Batterie - bei Microsoft gab es nicht einmal eine Flasche Wasser.
Sony legte mit der abschließenden Pressekonferenz am Montagabend den wohl seltsamsten Auftritt seit Langem hin: Außer zwei Erweiterungen - zu Horizon: Zero Dawn und mit Uncharted: Lost Legacy indirekt zu Uncharted 4 - sowie einem Remake von Shadow of the Colossus hatte der Hersteller nichts Neues im Gepäck, eine Handvoll etwas lustlos präsentierter VR-Titel ausgenommen. Nun kann man argumentieren, dass bereits bekannte und erneut gezeigte Kracher wie God of War, Detroit: Beyond Human, Days Gone und Spider-Man deutlich kaufentscheidender als Microsofts "42 Spiele" sind. Aber nach dem Ende der Sony-Veranstaltung blieben alle Besucher ungläubig murmelnd in ihren Sitzen zurück - das sollte es gewesen sein? Kein Kracher zum Schluss?
Quelle: PC Games Hardware
Ubisoft hatte nach einhelliger Meinung internationaler Pressevertreter den besten Messeauftritt. Der Publisher präsentierte ein Dutzend Spiele und holte gleich zu Anfang Mario-Erfinder Shigeru Miyamoto auf die Bühne.
2. Die "Content Creators"
Quelle: PC Games Hardware
Electronic Arts zeigte in einem Video zu "Star Wars: Battlefront", dass die Kritik der Fans nicht verhallt ist: So lud EA DICE Fans und Vielspieler nach Schweden, um dort ihre Meinung zum zweiten Teil zu erfragen.
Ein Grund dafür, dass sich die Hersteller primär ins kamerafreundliche Licht setzten: die zuhauf anwesenden YouTuber beziehungsweise Let's-Play-Koriphäen, von Electronic Arts vornehm "Content Creators" genannt. Wir von der schreibenden Zunft waren nicht nur diesem Publisher wohl etwas zu "old school", um einer Erwähnung wert zu sein.
Das mag ja schön und gut sein, wir gönnen der Video- und Instagram-Fraktion auch ihre Zuschauer. Doch auf Kosten der etablierten Medien sollte die Herstellerliebe dennoch nicht gehen - schließlich lesen Sie gerade diese Zeilen, statt sich ein fünfzehnminütiges Hype-Video anzuschauen. Positive Ausnahmen bestätigen die Regel: Bei Jeff Gerstmans abendlichen Giantbomb-Sofatalks - auf YouTube verewigt - gaben sich Entwicklerlegenden wie Tim Willits und Lorne Lanning die Klinke in die Hand.
Wenn jedenfalls die Spieler dahinterkommen, dass viele ihre kumpelhaften Social-Media-Stars jede Menge Kohle für eine Erwähnung eines Produkts verlangen, mag sich die Begeisterung für diese erweiterten Familienmitglieder ganz schnell legen. Vielleicht schlägt dann wieder die Stunde unabhängiger, kritischer Berichterstattung, die nicht bei jeder Explosion verzückt in die Kamera lächelt. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
3. Die 15.000 Fans
Wachstum ist gut, insbesondere im Mutterland des Kapitalismus. Deshalb bugsierten die E3-Veranstalter schon 2015 5000 Fans in die Messehallen, um dem Besucherschwund zu begegnen. 2016 waren es mit 50.200 Fachbesuchern immer noch deutlich weniger als noch vor zwölf Jahren, als sich 70.000 Menschen durch das Los Angeles Convention Center drängten. Deshalb durften dieses Jahr 15.000 Fans je 250 US-Dollar lockermachen, um eine neongrün leuchtende Badge zu erstehen und damit die Hallen unsicher zu machen.
Quelle: PC Games Hardware
Jeden Morgen bildeten sich lange Schlangen vor den Messehallen - den 15.000 Fans sei's gedankt. So eng wurde es, dass aus Sicherheitsgründen erstmals in der E3-Geschichte die Hallen schon 15 Minuten vor dem eigentlichen Start geöffnet wurden.
Einige jüngere Pressekollegen klagten prompt über die ungewöhnliche Fülle, doch so neu war die nicht. 2006 waren zweistöckige Messestände die Regel, nicht die Ausnahme - und wer etwas auf sich hielt, garnierte seinen Auftritt mit einer übermannsgroßen Skateboard-Half-Pipe oder gar einer Rockband, die mit ohrenbetäubendem Lärm die Verständigung in einem Umkreis von mehreren hundert Metern unmöglich machte.
Doch die Menschenmassen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch in diesem Jahr die E3 die Spielebranche nicht mehr adäquat abbildet. Free-to-Play-Spiele wie League of Legends, Dota 2, Team-Shooter wie Overwatch, Mobiltitel wie Pokémon Go - sie alle fanden auf der Messe nicht statt. Wie lange das gut gehen mag? Spannende Frage. Außerdem hatten große Hersteller wie Electronic Arts, 2K Games und Konami keine Messepräsenz. EA führte in Hollywood die zweite EA-Play-Hausveranstaltung in Folge durch, 2K Games und Konami hatten hingegen keine neuen Spiele im Gepäck und verzichteten deshalb auf einen eigenen Stand. Immerhin holten sich die Veranstalter die entgangenen Standeinnahmen durch die rund vier Millionen US-Dollar Eintrittsgebühr der Fans zurück.
4. Das VR-Vakuum
In den letzten zwei Jahren war Virtual Reality noch das Hype-Thema schlechthin. Doch nach dem Verkaufsstart der drei großen Systeme sieht 2017 die Sachlage deutlich nüchterner aus. Zwar sind sich so gut wie alle Entwickler einig, dass VR und AR keine Eintagsfliegen sind, doch wo sind dann die Hits, die uns seit einem Jahr versprochen wurden? Wo im letzten Jahr Resident Evil 7 für Furore sorgte, fehlte auf dieser E3 jede Spur. Sony stellte feigenblattartig eine Handvoll PSVR-Titel vor, während Oculus VR und HTC Vive überhaupt gar nicht zu sehen waren.
Und ganz ehrlich: Kann ein Final-Fantasy-Angelspiel die Killer-App für Virtual Reality sein? Wir haben da so unsere Zweifel. Immerhin klingen die VR-Fassungen von Doom, Skyrim und Fallout 4 spannend, handelt es sich doch bei den ursprünglichen Spielen um moderne Klassiker. Allerdings teleportiert man sich in Doom und Skyrim derzeit noch von einem Ort zum nächsten, was das rasante beziehungsweise weitläufige Spielprinzip gehörig umkrempelt. Nur in Fallout 4 geht es derzeit fließend durch das postnukleare Ödland.
Mein spannendstes E3-VR-Erlebnis war Transference, eine Mischung aus Pycho-Thriller und Horror. Die Koproduktion von Ubisoft und Elijah Woods Studio SpectreVision erzählt die Geschichte des Soldaten Walter, der nach einem Einsatz nach Hause zurückkehrt und unter posttraumatischem Stress leidet - oder zumindest zu leiden scheint. Wir konnten beim Anspielen zwischen mehreren milde gruseligen Zeitebenen hin- und herwechseln und mussten Gegenstände von einer zur anderen bringen, um so tiefere Einblicke in Walters Gehirnwindungen zu bekommen.
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5. Die Highlights der Messe
Generell schien diese E3 eine etwas zersprengte Angelegenheit, was auch die Frage nach dem "Spiel der Messe" zeigt. Antworteten die Leute früher wie aus der Pistole geschossen mit "Half-Life 2", "Metal Gear Solid 2" oder "Spore", kam dieses Jahr erst einmal Schweigen zurück. Erst ein paar Sekunden später nannten viele Kollegen dann Super Mario Odyssey, das genial Open-World- und 2D-Elemente mischt. Auch ich könnte nicht nur einen Titel nennen: Neben Super Mario Odyssey freue ich mich persönlich auf das Zwei-Spieler-Ausbrecherdrama A Way Out, Assassin's Creed Origins, das an XCOM erinnernde Mario + Rabbids Kingdom Battles, Mordor: Schatten des Krieges, Star Wars Battlefront 2 und Wolfenstein 2: The New Colossus. Oh, und auf BioWares neues SF-Epos Anthem. Letzteres wirkt allerdings wie eine auf dem Reißbrett geplante Mischung aus Destiny, Horizon: Zero Dawn und The Division.
Hardwareseitig wird interessant, ob und wie sich die Xbox One X schlagen wird. Gewiss, ein PC mit Top-Komponenten für 4K-Gaming in 60 Hz und mit Dolby Atmos kostet mehr als nur 499 US-Dollar. Aber Sonys PS4 Pro ist nun mal 100 Dollar günstiger und seit letztem Jahr auf dem Markt. Auch, wenn das System nicht immer alle acht Millionen Pixel eines 4K-Bilds berechnet, schauen viele Käufer zunächst auf den Preis - und die Exklusivspiele. Vielleicht wäre es mutiger gewesen, hätte Microsoft ein paar echte Kracher geliefert, die nur auf der X-Variante laufen - auch, wenn das die Besitzer der "normalen" Xbox One verärgert hätte.
6. Die Zukunft der E3
Letztes Jahr wünschte ich mir noch mehr live gespielte Titel auf den Pressekonferenzen - doch in diesem Jahr gab es auf fünf Events gerade mal zwei Spiele, die nicht aus der Konserve kamen. Womöglich ist Nintendo am konsequentesten: Der Publisher verzichtete zum fünften Jahr in Folge komplett auf eine eigene Pressekonferenz und zeigte sich und seine Titel stattdessen in einer Show im Internet. Auch eine geografisch geballte Messe war ein frommer Wunsch: Electronic Arts hielt noch nicht mal mehr in Laufweite Hof, sondern hatte sein Lager eine Dreiviertelstunde weit weg aufgeschlagen.
Entwickler-Stars, die früher auf den Pressekonferenzen grüßten, waren in diesem Jahr Mangelware. Aber vor Ort waren sie schon - im E3 Coliseum. Dort fanden an den drei Messetagen von morgens bis abends Diskussionsrunden und Sessions unter anderem mit Hideo Kojima, Tim Schafer, Ed Boon und Randy Pitchford statt, in denen diese Neues zu ihren aktuellen Projekten verrieten. Nur: Wie soll man das noch parallel zum E3-Tagesgeschäft verpacken, selbst, wenn alles gestreamt wird?
Vielleicht wäre es ebenfalls konsequent, die komplette E3 in einen Streaming-Event zu verwandeln, denn nicht alle Online-Persönlichkeiten kennen sich wirklich ausreichend gut mit Computer- und Videospiele aus beziehungsweise besitzen die nötige Distanz zum Thema. Wenn Electronic Arts Online-Persönlichkeiten als Moderatoren einsetzt oder Hersteller ihre "hauseigenen" YouTuber einfliegen, sollte den Zuschauer klar sein, hier zumindest extra genau aufzupassen, was ihnen verkauft werden soll. Ob das bei der "Generation Smartphone" immer der Fall ist? Ich bin mir nicht so sicher.
Wie schon im letzten Jahr wünsche ich mir für die Zukunft außerdem eine etwas bessere Aufteilung der Messe. Etwa in Publikumstage und solche, die nur den Medien und meinetwegen auch den "Content Creators" offenstehen. Das klappt auf vielen Veranstaltungen wie der Tokyo Game Show und der gamescom, warum dann nicht auch auf der E3?