E3 2018: Anthem - Wird Biowares Action-Rollenspiel das bessere Destiny?
Vier Freelancer für ein Halleluja: Im Anthem nehmen wir auf einem umkämpften Planeten auf der Suche nach wertvollen Relikten allerhand Gegner ins Visier. Schafft Rollenspiel-Experte Bioware den Sprung zum Action-Entwickler? Unser E3-Bericht.
Fast genau vor einem Jahr erblickte Biowares Actionspiel Anthem nach allerlei Ankündigungen das Licht der Welt - allerdings nur in Form eines kurzen E3-Trailers, in denen vier "Freelancer" genannte Helden in Mech-Rüstungen in einem Urwald gegen allerlei Feinde kämpften.
Drei Tage vor dem Start der E3 2018 in Los Angeles zogen Electronic Arts und die Bioware-Entwickler auf dem Haus-Event EA Play in Hollywood den Vorhang ein Stück weiter auf. Zeit wird es, denn Anthem, das uns letztes Jahr an "eine Mischung aus Destiny, Horizon: Zero Dawn und The Division" erinnerte, soll in einem guten halben Jahr erscheinen - am 22. Februar 2019.
Klare Breitseite gegen Destiny
Ganz ohne Trailer ging Anthem allerdings auch nicht an den Start: In einer vor allem lauten Spielsequenz flogen vier Helden erneut zunächst in eine so unwirtliche wie schmucke Urwaldlandschaft, um dort alsbald auf ein ungemütliches Riesenmonster zu stoßen. Gemütlicher machten es anschließend die Entwickler Casey Hudson, Mark Darrah und Cathleen Rootsaert auf der Bühne, um über ihr neustes Werk zu sprechen.
Etwa über dessen Genre. Ist Anthem ein Online-Rollenspiel? Ein Multiplayer-Titel mit angeflanschter Story? "Keins von beiden", erklärt Biowares General Manager Casey Hudson. "Wir wollen eine dynamische Welt erschaffen, die sich jedes Mal verändert, wenn ihr sie spielt." Sein Kollege und Executive Producer Mark Darrah stimmt zu: "Viele solcher Mehrspielertitel verwässern ihre Geschichte, aber wir wollen diese Herausforderung lösen." Eine klare Breitseite gegen Destiny 1 und 2.
Gruppengeballer mit Soloabenteuer
"Unser Ansatz heißt: 'Our world, my story'", sagt Mark Darrah. Soll bedeuten: Die Außenwelt vor den Toren von unserer Heimatbasis Fort Tarsis, die von einer gewaltigen Mauer umgeben ist, ist so schön wie gefährlich - und wird deshalb am besten mit drei Mitstreitern erkundet. Jeder Spieler, ob gemeinsam oder solo unterwegs, sollen dabei immer die gleichen Wetterbedingungen und Tageszeiten wie alle anderen vorfinden.
Nach einem erfolgreich gemeisterten Ausflug in die Wildnis - dazu gleich mehr - kehren wir immer wieder in unsere sichere Zuflucht zurück. Das dann aber alleine, so wie in einer klassischen Einzelspielerkampagne. "Hier erlebt ihr die Folgen eurer Entscheidungen, hier lebt und atmet unsere Geschichte", sagt Darrah. Die sich dann ihrerseits wieder auf die Mehrspielerkämpfe auswirken soll.
Die Götter müssen verrückt sein
Wer partout nicht mit anderen Spielern kann oder will, soll Anthem auch als Solist bestreiten können. Mark Darrah: "Wir wollen sicherstellen, dass ihr eine echte Wahl habt. Ihr könnt auch alleine ins Abenteuer starten, nur wird das dann schwieriger als mit drei Begleitern sein." Mit instanzierten "Dungeons", wie es sie auch in Destiny und The Division gibt, wollen die Entwickler die Spieler allerdings dazu ermutigen, den Koop-Modus auszuprobieren. Übrigens: Ob Anthem jemals PvP-Elemente haben wird, ist zumindest unsicher. Anthem soll vorwiegend eine Koop-Erfahrung und mindestens zum Launch gibt es kein PvP-Konzept. Ob PvP nachgereicht wird, bleibt offen.
Wie das Einsammeln von Loot und das Aufrüsten unserer Freelancer beziehungsweise ihrer Javelin-Kampfanzüge genau funktioniert, darüber schwiegen sich die Entwickler allerdings aus. Auch über etwaige Dialoge oder Gesprächswahlmöglichkeiten ist bislang noch nichts bekannt - genauso wenig wie über die Geschichte des Spiels. Wir wissen bislang nur, dass auf einer von "den Göttern" unvollendeten Welt zahlreiche Fraktionen um Artefakte rangeln, die die Götter dort zurückgelassen haben.
Story ohne Ende
Auch, wenn Bioware uns über Anthems Geschichte noch im Dunkeln lässt, soll das nicht heißen, dass die Entwickler nicht genug Ideen hätten, um das Spiel langfristig mit neuen Inhalten zu versorgen. "Wir können in den nächsten Jahren jede Menge neue Charaktere einführen, dessen Geschichte mit Welt-Events vertiefen und euch ganz neue Abenteuer präsentieren", sagt Lead Writer Cathleen Rootsaert.
In diesem Bereich könnten Biowares Weltenbauer gegenüber Destiny 2 Boden gutmachen. Denn Bungies Mehrspieler-Shooter punktet zwar mit prächtiger Action, seine Geschichte ist allerdings so dünn wie die einer Daily Soap. Andererseits ist Bioware ist nicht gerade für krachige Action-Titel bekannt - die beiden Oldtimer Shattered Steel und MDK 2 einmal ausgenommen.
Quelle: EA
Anthem: Bilder von der E3 2018 (5)
Vier Rüstungen und ein Freelancer
Wo wir von Action sprechen: Als Freelancer schlüpfen wir in einen der insgesamt vier Javelin-Rüstungen, um es unseren Kontrahenten vom "Dominion" zu zeigen. "Das Dominion will die die Artefakte der Götter für seine kriegerische Aktivitäten einsetzen", erklärt Cathleen Rootsaert. Der Clou ist dabei, dass jeder Spieler mit einem simplen Rüstungswechsel alle vier Klassen des Spiels nutzen kann: die schon im letzten Jahr gezeigten Ranger und Colossus sowie die Storm- und Interceptor-Javelins, die auf der diesjährigen E3 Premiere feierten.
Ist ein Ranger ein Allzweckkämpfer, der im Kampf Mann gegen Mann brilliert, setzt ein Colossus vor allem auf dicke Panzerung und noch dickere Wummen. Storm-Anzüge verleihen ihren Trägern die Möglichkeit, Elementarangriffe auf die Gegner loszulassen. Über die Fähigkeiten des Interceptors bewahrten die Bioware-Designer noch Stillschweigen. Cool aber, dass wir nicht für jede Klasse einen eigenen Charakter basteln müssen.
Trio mit sechs Fäusten
Wie vier Freelancer ihre Kräfte gemeinsam gegen schier übermächtige Feinde bündeln können, davon durften wir uns in einer Mission namens "Scars & Villainy" überzeugen, die uns vier Bioware-Mitarbeiter live vorspielen. Los geht es in einem an einen AT-AT erinnernden Walker - unserer mobilen Einsatzbasis, mit der wir uns an unseren Auftragsort begeben. Wir sollen die Blackshore-Region nach merkwürdigen Säurespuren durchsuchen.
Unser Missionsbriefing läuft optisch deutlich schicker als in früheren Bioware-Titeln ab: Die Kamera bewegt sich dynamisch um unseren Gesprächspartner herum, dessen Gesicht durch Schärfentiefeneffekte besonders plastisch hervorsticht. Allerdings bleibt unklar, ob und wie genau wir mit den Menschen in Fort Tarsis kommunizieren. Nach der Wahl unseres Javelins - unser Team aus drei Stufe-33-Spielern setzt auf zwei Colossus- und eine Ranger-Rüstung - fliegen wir in Richtung Einsatzort. Den wählen wir von einer Umgebungskarte mit zahlreichen Missionsoptionen wählen.
Keine Erfahrung? Kein Problem!
Schon bald treffen wir auf die ersten Widersacher, und zwar zahlreiche Scar - das sind Gauner, die ebenfalls auf der Suche nach Relikten der Götter sind. Wir könnten sie entweder chirurgisch ausschalten, oder mit einem Colossus den kompletten Wachposten der Scar in die Luft sprengen. Der erinnert übrigens wie auch die gesamte, überaus vertikal zu erforschende Region, in der wir unterwegs sind, an eine Mischung aus Grand Canyon, Schrottplatz und Wookie-Welt Kashyyyk.
Unterdessen begegnet uns ein anderer Freelancer, der noch nicht allzu lange gespielt hat: Er ist über die erste Erfahrungsstufe nicht herausgekommen. Doch das macht nichts, Anthem passt die Stufen der Gruppenmitglieder automatisch aneinander an, sodass jeder Spieler seinen Beitrag leisten und passende Beute einsacken kann. Wir freuen uns über die Verstärkung, denn der vierte Freelancer trägt einen Storm-Javelin, der ihm mächtige Elementarangriffe ermöglicht.
Quelle: EA
Anthem: Bilder von der E3 2018 (3)
Rennen, Fliegen und Schwimmen
Das riesige Monster, das wir kurz darauf erspähen, ist jedoch auch für vier Freelancer etwas zu kräftig - wir lassen es daher links liegen und betreten eine Scar-Basis, deren Eingang wir just bei unserer Suche entdeckt haben. In Anthem heißen diese speziellen Bereiche für vier und mehr Spieler Strongholds: Hier lauern stärkere Gegner, aber auch fettere Belohnungen. Einmal entdeckt, lassen sie sich per Klick auf die Karte auch direkt anspringen.
Überhaupt wird das Entdecken und das Interagieren mit der Umgebung in Anthem großgeschrieben. Wir können nicht nur auf dem Boden herumsausen, sondern auch fliegen und schwimmen. Wasserkontakt ist auch praktisch, wenn unser Javelin-Reaktor im Einsatz überhitzen sollte: Wir fliegen dann einfach durch einen Wasserfall, schon kühlt er sich wieder auf normale Betriebstemperatur ab.
Ein Fall für den Kammerjäger
In der Scar-Basis lauern währenddessen ein paar Minen. Wir könnten sie entschärfen, sie vorsichtig umrunden, oder, Sie ahnen es, mit dem Colossus einfach darüber hinwegstampfen. Die nun folgende Gegnergruppe erledigen wir per Komboangriff: Erst lässt der Storm-Kollege einen Elementarangriff auf die Scar los, dann machen wir den Feinden mit einem Colossus-Multi-Raketenschuss den Garaus. Nach einer kurzen Visite in einem Tal, in dem wir Echo-Artefakte einsammeln und damit ein Relikt ruhigstellen, geht es weiter der Säurespur nach.
Wir stoßen erst auf ein paar kleine Insektoiden, ballern sie kurzerhand weg und dringen tiefer in deren Wohnstatt vor. Kurze Feuerpause: Auf einer Wand leuchtet es merkwürdig auf. Wir untersuchen das Phänomen und entdecken eine Rune, mit der wir unseren Javelin aufmotzen können. Nicht verkehrt, denn nun steht der Endboss des Strongholds auf dem Programm: ein mächtiger Schwarm-Tyrann. Er setzt uns mit Biss- und Säureangriffen zu und verschwindet in regelmäßigen Abständen, um etliche Adds auf uns loszulassen. Die Zeit in unserer Demo reicht leider nicht aus, um den Schergen zu besiegen. Wir gehen aber mal davon aus, dass die vier Bioware-Designer den Kampf überleben - schließlich werden sie ihn auf der E3 noch viele weitere Male durchexerzieren.
Fazit: Anthem auf der E3 2018
Man merkt, dass wir uns in der zweiten Hälfte des derzeitigen Konsolenzyklus' befinden - Anthem sieht schon arg schick aus. Mit Flammen-, Bewegungsunschärfe- und Funkeneffekten ziehen die Bioware-Grafiker alle Register der Frostbite-Engine. Auf dem PC dürfte das Spiel noch eine Spur besser als auf PS4 und Xbox One aussehen. Außerdem zeigen die Designer mit Details wie zwei Waffentypen, zwei Spezialmanövern, einer Super- und einer Faust-Attacke, dass sie bei Destiny und The Division in die Schule gegangen sind - und setzen mit zahlreichen Individualisierungsoptionen der vier Rüstungen noch eins drauf. Gut: Anthem soll ab dem Verkaufsstart ein komplettes Spiel ohne Loot-Boxen oder Pay-to-Win- Fähigkeiten sein, die das Vorankommen erleichtern.
Optik ist jedoch nicht alles: Nach dem etwas umstrittenen letzten Mass-Effect-Teil muss Bioware zeigen, dass es immer noch gute Geschichten erzählen kann - nur so kann es gegen Destiny und The Division punkten. Und die Konkurrenz schläft nicht: Im Herbst erscheint eine große Erweiterung für Destiny 2, Ubisoft wird auf seiner Pressekonferenz am Montag mehr Details zu The Divison 2 verraten. Für Fans von Action-Rollenspielen mit viel Geballer ist all das jedoch Grund zur Freude, denn drei Studios, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen, liefern ihnen im Idealfall drei prächtige Spielerlebnisse. Und für ein zeitgemäßes Action-Rollenspiel von Bioware wurde es allerhöchste Zeit.

Mit Dragon Age: Origins konnte man sich doch vernünftig verabschieden. Hat in seinen besten Momenten die Faszination eines Jade Empire oder KoTOR erreicht.
Nebenbei, als Actionspiel war doch Mass Effect 2 gar nicht so schlecht. Den Sprung haben sie bereits geschafft.
Mit Dragon Age: Origins konnte man sich doch vernünftig verabschieden. Hat in seinen besten Momenten die Faszination eines Jade Empire oder KoTOR erreicht.
Nebenbei, als Actionspiel war doch Mass Effect 2 gar nicht so schlecht. Den Sprung haben sie bereits geschafft.
Ich dachte erst, als ich die Grafik sah " never, wird das so aussehen und spielbare fps zaubern", aber ist ja eine überarbeitete FB Engine, wenn ich mich nicht irre