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PCGH-Retro: Die Wahrheit über die AGP-Schnittstelle

1998 kamen erste Platinen mit AGP in Umlauf. Heute, zehn Jahre später, wurde die Schnittstelle weitgehend von PCI-Express abgelöst. PCGH.de hat in den Archiv gegraben und einen Artikel vom März 1998 gefunden. (Falk Jeromin, 22.04.2008)
 
Tonic Trouble von Ubi Soft darf sich im Moment getrost die Grafik-Krone unter denAGP-Spielen aufsetzen. Leider ist das Spiel bisher nur als Vorabversion im Bundle miteiner Grafikkarte erhältlich (unter anderem mit der Matrox Mystique G200).
 
Tonic Trouble von Ubi Soft darf sich im Moment getrost die Grafik-Krone unter denAGP-Spielen aufsetzen. Leider ist das Spiel bisher nur als Vorabversion im Bundle miteiner Grafikkarte erhältlich (unter anderem mit der Matrox Mystique G200). [Quelle: siehe Bildergalerie]

Dieser Artikel ist im Original im PC Games 3D-Sonderheft 03/1998 erschienen und gab damals einen Überblick über die Möglichkeiten von AGP.

Mysterien ranken sich um die unter anderem von Intel aus der Taufe gehobene Hochgeschwindigkeits-Schnittstelle AGP (Accelerated GraphicsPort). So mancher PC-Händler preist Rechner mit AGP-Platinen als das einzig wahre Wundermittel für die Spiele-Performance an. Auch auf Kundenseite scheint reichlich Verwirrung zu herrschen. Die ernsthaft gemeinte Frage, ob eine Matrox Millennium II in der AGP-Ausführung nun alle anderen Beschleuniger im 3D-Spiele-Alltag abhängen würde, läßt den schlechten Informationsstand über das AGP-Phänomen erahnen. Aus diesem Grunde gehen wir in diesem Artikel ausführlich auf die brandaktuelle Thematik ein. Neben der grauen AGP-Theorie haben wir uns auch intensiv mit den praktischen Spiele-Möglichkeiten beschäftigt.

AGP für Einsteiger
Der AGP ist ganz allgemein eine neue Datenleitung zwischen Grafikkarte und Hauptspeicher, die wesentlich schnellere Verbindungen als auf dem konventionellen PCI-Bus ermöglicht. In erster Linie zeigt sich dieser Daten-Highway durch einen völlig neuen Steckplatz auf dem Motherboard. Normgemäß gibt es dabei pro Hauptplatine nur einen derartigen Sockel. Um in den Genuß von AGP zu kommen, sind also sowohl ein Motherboard mit entsprechendem Steckplatz als auch eine Grafikkarte in AGP-Bauform notwendig. Eine PCI-Beschleuniger-Platine paßt definitiv nicht in einen AGP-Slot.

AGP für Aufsteiger
Die theoretischen Vorzüge der flotten Grafikdaten-Schnittstelle umfassen zwei zentrale Punkte: die Geschwindigkeit beim Datendurchsatz sowie die Fähigkeit zur Auslagerung von Texturen im Hauptspeicher. Während der erste Vorteil softwareunabhängig greift, muß der zweite Pluspunkt von der jeweiligen Anwendung unterstützt werden. AGP-Karten können dabei auf eine exklusive Verbindungsleitung zurückgreifen, die sie sich mit keiner anderen Steckkarte teilen müssen. Eine normale PCI-Grafikkarte mußim schlimmsten Fall unter anderem mit Festplatte, PCI-Netzwerkkarte und PCI-Soundkarte konkurrieren. Wenn gleichzeitig Grafik-, Sound-und Netzwerkdaten über den PCI-Bus geschaufelt werden, ist die theoretisch maximale Bandbreitevon 133 MByte/s irgendwann ausgeschöpft. Eine AGP-Platine mit 1X-Standard kann hier immerhin auf 266 MByte/s zurückgreifen, um das Motherboard anzusteuern. Im 2X-Modus können pro Signal sogar zwei Datenpakete verschickt werden. Der zweite grundlegende Vorteil von AGP betrifft die Nutzung des System-Hauptspeichers als Lagerstätte für Texturen. Sofern ein Grafik-Adapter diese Fähigkeit besitzt, muß sie den platineneigenen (knappen) Speicher nicht für das Bereithalten von Texturen verwenden.


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AGP und Grafikchips
Der Begriff AGP umfaßt in seiner aktuellen Fassung (Revision 2.0) eine Vielzahl von Einzelkomponenten. Wenn eine Grafikkarte mit dem Schmankerl AGP wirbt, so verbergen sich je nach Grafikchipsatz unterschiedliche Fähigkeiten dahinter. Für den Spieler ist es dabei vorerst egal, ob ein Chip über das Sideband Addressing eine weitere Leitung für Kommandos zum Mainboard besitzt. Wichtiger sind hingegen die beiden grundlegenden AGP-Komponenten (Übertragungsbandbreite und Texturenauslagerung). Der Rendition V2200(Hercules Thriller 3D) entspricht hierbei dem AGP 1 X-Standard, ist aber nicht in der Lage, Texturen im Hauptspeicher auszulagern. Der ursprüngliche Riva 128 (DiamondViper V330) ist ebenfalls nur AGP-1X-kompatibel, verfügt aber auch in der PCI-Variante von Haus ausüber ein interessantes Texturen-Management. Je nach Einstellungssache kann der Chip (wie auch der ZX-Kollege) einen dicken Teil des Hauptspeichers für sich abzweigen, um dort Texturen zwischenzulagern. Der Riva 128 ZX (STB Velocity 128) beherrscht im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder den 2X-Modus, verfügt sonst aber über keine erweiterten AGP-Funktionen.

Konkurrenzsituation
Den Intel 740 gibt es mittlerweile ebenfalls in beiden Bauform-Ausführungen. Während die AGP-Fassung sämtliche Features abdeckt und von fast allen Grafikkarten-Herstellern bevorzugt wird, ist nun auch der erste PCI-Kollege von Datapath/Real3D am Markt. Mit einer enormen Menge an lokalem Textur-RAM will man dabei die fehlende Auslagerungsfähigkeit wettmachen. Eine AGP-Karte der Marke Voodoo2 sucht man in Deutschland noch vergebens — in den USA ist Quantum 3D (www.quantum3d.com) am Platinen-Drücker. Erst der Voodoo Banshee wird eine generelle AGP-Integration aufweisen können, die aber nicht alle bisher möglichen Features umfaßt. Ansonsten werden alle neueren Grafik-Chips (RivaTNT, Matrox G200, PowerVR SG,Number Nine Revolution 4, Permedia 3, S3 Savage3D) die momentan maximale AGP-Power in sich vereinen.

Um endgültig auf dem Texturen-Highway durchstarten zu können,sind sowohl auf Sockel 7- als auch auf Slot 1-Rechnern umfangreiche Vorarbeiten durchzuführen. Neben einem entsprechenden Motherboard plus Grafikkarte ist auch die Betriebssystemseite nicht zu vergessen. Nur wer Windows 98 auf seinem Rechner Unterschlupf gewährt, ist fein raus aus
der AGP-Sache.

Mit dem Treiber "vgartd.vxd" (liegt derGrafikkarte bei) kann der AGP-Betrieb aufgenommenwerden. Bei Win95 kann der Katzenjammer je nach Versionsnummer unter Umständengroß sein. Während Win95 A (also die ursprüngliche Verkaufsvariante) kein AGP zuläßt, muß Win95 B mit der Datei usbsupp.exe erst auf AGP getrimmt werden.

Erst Win95 C verlangt lediglich ein korrekt installiertes DirectX 5 sowie den erwähnten AGP-Treiber. Was passiert nun, wenn Win95 A mit einer AGP-Karte konfrontiert wird? Da sich die erste Windows-Version nicht um die Bauform der Karte kümmert, wird sie den Grafik-Adapter einfach als PCI-Device aufnehmen. Damit läuft die Platine zwar, kann aber nicht die Vorteile des Daten-Highways ausnutzen.

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Haken und Ösen
Der Haken für den Kunden besteht darin, daß weder Win95 B noch C jemals separat verkauft wurden —sie durften nur in Zusammenhang mit einem neuen Rechner den Besitzer wechseln. Der Grundgedanke von AGP ist dabei, daß der Nutzer lediglich das entsprechende Spiel startet und ohne aufwendige Einstellungen die optischen Schmankerl genießen kann. In der Realität sorgen jedoch einige Ungereimtheiten für Spielehürden. So müssen beispielsweise manche Sockel 7-AGP-Boards der ersten Generation erst durch ein BIOS-Update zum 2X-Modus bekehrt werden. Außerdem kann jeder User (mit Ausnahme mancher Pentium II LX-Besitzer mit Award-BIOS) im Motherboard-BIOS unter der Rubrik "AGP Aperture Size" die Größe des AGP-Speichers manuell festlegen, was gerade nach einem RAM-Ausbau wichtig ist. Da der AGP-Treiber vgartd.vxd durch das Aufkommen neuer Grafik-Chips oftmals Änderungen unterworfen ist, lohnt es sich, diesen regelmäßig beim Motherboard-Hersteller von der Webseite herunterzuladen.

AGP-TÜV
Falls Sie ein AGP-System besitzen und dessen Funktionen prüfen wollen, haben Sie mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Sollte Ihr Grafik-Adapter das Auslagern von Texturen im Hauptspeicher unterstützen,können Sie die Funktionsfähigkeit dieses Features beispielsweise über das DirectX-Panel kontrollieren. Dieses befindet sich im Handgepäck des DirectX-Entwicklerwerkzeugs und liefert unter der Rubrik "DirectDraw" Informationen über den vorhandenen Grafik-Speicher. Liegt der dort angezeigte Wert deutlich über dem lokalen Platinen-RAM, steht AGP-Freuden theoretisch nichts mehr im Wege. Wer weitergehende Informationen über seinen AGP-Turbo haben will, sollte sich das Tool "PciList" der FirmaEntech (www.entechtaiwan.com)aus dem Netz ziehen. Dieses weist die vorhandenen AGP-Modi sowie das Sideband Addressing aus.

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AGP-Praxistests
Bei den anstehenden praktischen Übungen interessierte uns der direkte Performance-Vergleich zwischen der jeweiligen Grafikkarte in PCI-und AGP-Ausführung. Zu diesem Zweck schraubten wir Platinen mit dem Rendition V2200, dem Riva128 ZX sowie dem i740 in den Testrechner (einem Pentium II mit 300 MHz und 128 MB RAM). Als Benchmarks dienten traditionelle Spiele ohne expliziten AGP-Support (Turok, Forsaken) sowie die neuesten Vertreter der Texturen-Kunst (Incoming, Redline Racer, G-Police, BattleZone). Während bei den erstgenannten Titeln lediglich der erhöhte Grafikdaten-Durchsatz der AGP-Schiene zum Tragen kommen kann, lassen sich bei der zweiten Spiele-Kategorie zusätzlich Qualitäts-Gegenüberstellungen durchführen. Was die eigentliche Spiele-Geschwindigkeit angeht, so zeigen sich beim direkten Vergleich zwischen PCI- und AGP-Variante wenig meßbare Unterschiede. Spiele wie Turok oder Forsaken profitieren kaum vom höheren Daten-Durchsatz der AGP-Schnittstelle. Falls ein Spiel beispielsweise auf einer geringen Zahl von Polygonen bzw. Texturen basiert, so sind die Anforderungen an den Grafikdaten-Transport entsprechend gering und der PCI-Bus reicht völlig aus. Außerdem bringt der schnellste Übertragungspfad herzlich wenig, wenn die CPU gar nicht mit dem Berechnen von Polygondaten nachkommt. Schließlich kann ein Bustakt von 66 MHz überhaupt nicht gewährleisten, daß eine AGP 2X-Karte mit voller Bandbreite auf den Hauptspeicher zugreift. Erst High-End-Systeme mit vollem 100 MHz Bustakt sind hierzutheoretisch in der Lage.

Ansichtssache
Es ist schon ernüchternd, daß man Direct3D-Spiele mit AGP-Support geradezu mit der Lupe suchen muß— unter OpenGL oder anderen Grafik-Schnittstellen läuft vorerst sowieso nichts. Die bisher erhältlichen sechs AGP-Titel nutzen das Tapezieren der Spielelandschaft mit monströsen Texturen nicht gerade üppigaus. Wir testeten die Spiele auf einer Matrox Millennium G200 und einer Voodoo2-Karte mit 12 MB, um eventuelle optische Unterschiede ausfindig zu machen. Am beeindruckendsten ist dabei noch die OEM-Version von Tonic Trouble, das der Mystique G200 beiliegt (jedoch im Moment nicht auf einerVoodoo2 läuft). Mit bis zu 17 MB an Texturen nutzt dieser Genre-Mix geradezu optimal die brachliegendeTechnik aus. Gut gefallen hat uns auch die neue BattleZone-Version, die mit dicken Texturen verschönert wurde. Eine Voodoo2-Karte verrichtet hierbei aber genau die gleichen Dienste, da die verwendeten Spiele-Tapeten in den lokalen Texturspeicher passen. Auch bei G-Police konnten wir keine offensichtlichen Unterschiede feststellen, obwohl die G200 14 MB und die Voodoo2 7MB Texturen verwendete. In der AGP-Version waren lediglich mehranimierte Video-Leinwände zu sehen, die während des hektischen Flug-Geschehens kaum wahrgenommen werden. Während bei Redline Racer immerhin einige grafische Spielereien in der AGP-Ausführung auffielen, zeigten sich bei Incoming oder Monster TruckMadness 2 auch beim näheren Hinschauen keine Unterschiede. Hier waren eher die Renderqualitäten der einzelne Chipsätze für optische Abweichungen zuständig.


AGP-Fazit
Der Accelerated Graphics Port ist ein sehr zwiespältiger Genosse. Auf der einen Seite steht die wunderschöne Theorie: enorme Bandbreiten für Grafik-Daten, der Hautspeicher als Asyl riesiger Texturmengen und fotorealistische Spiele-Umgebungen. Die Realität sieht jedoch im Moment eher düster aus: Hohe Hardware-Anforderungen für eine optimale Ausnutzung und die geradezu wahnwitzig geringe Zahl an AGP-Spielen versalzen dem technikgewillten Spieler gehörig die Zockersuppe. Grundsätzlich gilt: Wer sowieso einen neuen Rechner auf Sockel 7- oder Slot 1-Basis kaufen will, bekommt den AGP-Steckplatz mittlerweile automatisch mitgeliefert. Es besteht jedoch im Moment kein Grund, nur wegen AGP-Ambitionen den Rechner aufzurüsten. Da die neuesten Grafik-Chips eine hohe AGP-Funktionalität aufweisen, bleibt die Hoffnung, daß zukünftige Spiele vermehrt die Chancen der AGP-Schnittstelle ausnutzen.

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