Ein Besuch bei Dell in Austin: Zwischen Rodeo und Rugged-Notebooks
Für texanische Verhältnisse ist Austin eine ziemlich alternative Stadt. Zumindest wenn im März das Festival South by Southwest, kurz SXSW, die Downtown in einen Schmelztiegel aus Musik-, Film- und Gaming-Events verwandelt. In der Hauptstadt von Texas ist auch Dell mitsamt Alienware beheimatet, daher mischt der Computerhersteller mit seiner Tochterfirma auf dem Digitalzirkus SXSW ordentlich mit. Dell hat als einziges deutsches Medium dieses Jahr PCGH nach Austin zu sich eingeladen, um im der Zeit des Festivals auch einen Blick hinter die Kulissen in der Firmenzentrale zu werfen.
Direkt an den Norden von Austin grenzt die Kleinstadt Round Rock, wo Dell auf einem riesigen Campusgelände in einem trostlosen Gewerbegebiet zahlreiche Bürobunker bewohnt, die so sandfarben sind wie die Wüste drum herum. Dell ist kein hippes Startup aus dem Silicon Valley, eher ein altehrwürdiger, konservativer Computerriese aus den Achtzigern. Im Inneren des Bürogebäudes befinden sich daher auch nicht Charlies Schokoladenfabrik, sondern beige Systemwände mit Türen aus Pressspan und klassische Waben eines Großraumbüros.
Hier wird eben gearbeitet, Computer entstehen leider nicht aus Feenstaub - auch wenn die Alienware-Produkte vielleicht so wirken mögen. Sicherlich hat der Konzern auch geleckte, piekfeine und repräsentativere Vorzeigeimmobilien. Da ich aber einen Tag in einer verbringen durfte, die offensichtlich keine solche ist, freute ich mich umso mehr auf den authentischeren Einblick ins Innere eines amerikanischen Computerherstellers.
Quelle: CC BY 2.0 - Tim Patterson
Das Dell-Hauptquartier in Round Rock bei Austin
Vor Ort wurden wir von niemand geringerem empfangen als von Frank Azor, Mitgründer und Chef von Alienware. Wie jede extravagante Nischenmarke hat auch Alienware Hardcore-Fans - für die ist Frank der Steve Jobs des Unternehmens. Wohl weil er von den Jüngern allein zum Messias der Marke hochstilisiert wird, betont er, wie wichtig seine vielen Mitarbeiter für Alienware sind. Der Hersteller von hochpreisiger und extravaganter Gaming-Hardware wurde von Dell aufgekauft, seitdem ist das Unternehmen aus Miami mit dem Konzern in Austin eng verwoben. Dennoch tritt die Tochterfirma nach außen hin als eigene Marke auf. Der Markt für Gaming-Hardware beschränkt sich nicht mehr auf teure Leuchtturmprojekte - mittlerweile hat jede große Computermarke auch ein Einsteiger- und Mittelklasse-Portfolio. Die eher günstigeren Gaming-Notebooks rangieren unter der Muttermarke Dell in der XPS-Serie, während High End nach wie vor unter Alienware rangiert. Dahinter soll aber mehr stecken als leistungsfähige Hardware in einem extravagantem Äußeren: Jedes hochpreisige Gaming-Notebook kommt mit herstellereigenen Tools, die durchaus nützlich sein können und bei weitem nicht mehr der Bloatware entsprechen, mit der die Notebooks noch zu Windows-Vista-Zeiten zugemüllt waren. In einer Präsentation zeigte uns ein Entwickler das neueste kommende Feature des Alienware Command Center - eine Sprachsteuerung. Gar keine schlechte Idee, nur leider natürlich den Alienware-Rechnern vorbehalten. Wie sinnvoll die Sprachfunktion ist, hängt wohl davon ab, wie gut das in der Praxis funktioniert, was erst Tests zeigen werden.
Alienware-Prototypen: Fotografieren leider verboten
Neben dem aktuellen Produktportfolio, dass Dell und Alienware natürlich an den Journalisten heranbringen wollte, durfte die kleine internationale Gruppe aus Technikjournalisten auch Testlabore besichtigen und Prototypen bestaunen. Diese fallen bei der verspielten Marke Alienware umso interessanter aus. Ich bin begeistert, als wir in einen Raum geführt werden, der voller Prototypen von Alienware-Gehäusen und Notebooks vollgestellt ist. Wir alle kennen das exotisch verspielte Äußere der Produkte. Dann stelle man sich Gehäuse und Notebooks vor, deren Designs es nicht auf den Markt geschafft haben. Leider ist ausgerechnet hier Fotografieren strengstens verboten. Andernfalls hätte ich allein damit Stoff für einen eigenen Artikel herausziehen können.
"Wenn aus diesem Raum ein Bild leakt, müssen wir das Produkt veröffentlichen", scherzt Produktmanager Joe Olmstedt, "und das wäre nicht unbedingt gut für das Unternehmen." Wohl, weil die exotischen Formate nicht unbedingt kommerziell erfolgreich würden. Dabei waren sie teilweise durchaus ansehnlich: Etwa eine Produktlinie aus Gehäuse, Monitor und Notebooks mit einem mattschwarzen Hexagon-Muster an den Seiten- und Rückwänden. Technisch interessant wäre sicherlich auch das Alienware-Notebook mit einem Ultrawide-Display geworden. Ein solches veröffentlichte bislang nur Acer als exorbitant teures Leuchtturm-Projekt. Der Ultrawide-Prototyp von Alieware aber war nicht ganz so groß, mit seiner Breite aber genauso wenig rucksacktauglich. Nichtsdestotrotz wäre ein Ultrawide-Notebook eine interessante Entwicklung. Der Prototyp von Alienware wird es aber leider nicht auf den Markt schaffen.
Quelle: PC Games Hardware
Der erste "Curved" aus drei DLP-Projektoren
Zwar nicht ganz so spektakulär, aber umso interessanter weil marktreif, waren die Notebook-Barebones der zukünftigen Generation. Waren Alienware-Notebooks generell stets verspielt im Design, sei es in der Form oder mit der Beleuchtung, scheint die kommende Generation fast schon bürotauglich zu werden. Natürlich ist nach wie vor die Außenbeleuchtung vorhanden, die Form wird aber klarer, kantiger und etwas schlichter.
Einen Prototyp konnte ich dann doch ablichten, nämlich den des ersten Curved-Monitors, den Dell vor zehn Jahren auf der CES vorgestellt hat. Es blieb aber beim Prototyp, denn das Display bestand aus drei DLP-Projektoren, die bei jedem Einschalten zunächst aufwändig aufeinander kalibriert werden mussten. Seit einigen Jahren sind auch gekrümmte LC-Displays möglich. Der Dell-Prototyp ziert daher nur noch eine Ecke des Twitch-Raums.
E-Sport-Training mit Psychologen und Ernährungsberatern
E-Sport ist mittlerweile ein Millionengeschäft. Alienware tritt als Hauptsponsor des Team Liquid auf, welches bei Weitem kein "Team" mehr ist - genau so wenig wie der FC Bayern ein "Fußballclub", sondern ein internationales Unternehmen. Der Co-CEO des Unternehmens, Steve Arhancet, stellt uns in einer Präsentation das neueste Trainingszentrum vor, welche Team Liquid und Alienware zusammen in Santa Monica bauen. Die klassische Variante eines angemieteten Hauses, wo die E-Sportler gleichzeitig wohnen und zocken sei auf Dauer ineffektiv, da hier keine Trennung zwischen Arbeit und Privatem stattfände, was zu Depressionen führen könne. Daher sollen die Athleten in Santa Monica separate Unterkünfte bekommen.
Steve nennt die Vertragsspieler bewusst Athleten da sie für die Höchstleistungen in den Computerspielen geistig wie körperlich fit seien müssen - eben auch wie solche, die physischen Sport betreiben. Die "Athleten" würden sich zu Gamern verhalten wie Rennfahrer zu Autofahrer. Die Fitness würden daher in der Alienware Training Facility auch Mediziner, Psychologen und Ernährungsberater sicherstellen, die ebenso zum Personal gehörten wie die eigentlichen Spieletrainer. Es würde also nicht nur die Spieleleistung "gebencht", sondern auch etwa die Herzfrequenz. Die gehe zu Beginn eines Matches stets hoch und reduziere sich im Laufe erst langsam. Man arbeite daran, sie beim Athleten gleichmäßig zu halten. Klingt so, als könne man bald nicht nur in Sport- sondern auch in E-Sport-Medizin seinen Facharzt machen.
Auch wenn E-Sport noch nicht wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, da die Fangemeinde noch immer hauptsächlich aus Gamern selbst besteht, ist es doch interessant zu sehen, wie hochentwickelt das Training der Profizocker mittlerweile ist - es also nicht mehr nur darum geht, Spieletaktiken in einer Dauer-LAN-Party zu üben, sondern auch an der körperlichen und mentalen Fitness zu arbeiten.
Testlabor: Die Folterkammer für Notebooks - und Kondensatoren
Wie auch die hauptberuflichen Zocker muss die Hardware gewissen Belastungen standhalten. Produziert werden die Dell-Rechner allesamt natürlich in Fernost. Die Testlabore befinden sich aber unter anderem auf dem Campus in Round Rock. Die Ingenieure haben uns vor Ort durch die Halle der Folterinstrumente geführt, welche etwa die Notebooks malträtieren, indem sie auf Druckempfindlichkeit oder Verwindungssteifheit getestet werden. In mannhohen Schränken, die wie riesige Waschmaschinen aussehen, werden Notebooks außerdem im Betrieb bei unterschiedlicher Temperatur oder Luftfeuchtigkeit getestet. Der leitende Laboringenieur erklärt uns im lupenreinen Südstaatenslang, dass ein Dell-Notebook auch etwa in tropischen Regionen jahrelang laufen müsse, was der Hersteller hier vor Ort simuliere.
Richtig böse aber werden die Rugged-Modelle gequält, die für den schroffen Außeneinsatz konzipiert sind. Es tut zwar jedes Mal schon beim Zuschauen weh, wenn der Ingenieur im Falltest ein "Rugged" auf den Boden krachen lässt. Er versichert aber, dass er es unzählige Male fallen lassen müsste, bis die Elektronik einen Schaden nehmen würde. Im Gegensatz zu den Notebooks für den Privatanwender wird die Versiegelung auch geprüft, ob sie bei Staub, Salzdampf, extremer Hitze oder einem Wasserstrahl nachgibt.
Es sind aber nicht unbedingt arktische oder afrikanische Bedingungen, die ein Notebook in die Knie zwingen können, sondern auch eine "Seuche" unter Kondensatoren in den Geräten. Um die Jahrtausendwende platzten zahlreiche Kondensatoren nach nur wenigen Monaten im Betrieb. Das massenhafte Sterben der Computerplatinen wurde damals "Kondensatorpest" (engl.: capacitor plague) bezeichnet und war für Dell damals ein ernstes Problem. Der Laboringenieur erinnert sich, dass Dell damals vergeblich nach einer unabhängigen Qualitätsprüfung für Kondensatoren suchte und deswegen kurzerhand einen eigenen Parcours entwickelte. Alle bei Dell verbauten Kondensatormodelle mussten ihn absolvieren und bis heute würde nicht jedes Modell bestehen. Die "Badcaps", also (massenhaft) schlechten Kondensatoren, seien damit jedoch mittlerweile ausgerottet und heute kein Thema mehr.
Im Testlabor von Dell war leider auch Fotografieren verboten - schade, immer wenn es Interessantes zu zeigen gibt. Zum Glück stellt Dell aber sein Rugged Lab auf Youtube selbst vor:
SXSW: Gaming-Kultur statt Rechnerreihen
Auf der Digitalmesse selbst feierte Dell in einem kleinen Gelände neben der eigentlichen Messe seine eigene SXSW und ließ dort VR-Interessierte an Alienware-Rechnern und Bands auf der Bühne spielen. Der Gaming-Teil der Messe ist auf eine der drei Hallen im Stadtzentrum beschränkt, mal von den Fachkonferenzen und Turnieren abgesehen. Dementsprechend sind die Stände und deren Aufmachungen alle etwas kleiner und dezenter. Wer die Gamescom kennt, ist riesige Flächen mit Reihen von Rechnern fürs Dauerzocken gewohnt. Von denen gibt es zwar hier in der Halle auch einige, es scheint aber das Drumherum der Gaming-Kultur mehr gelebt zu werden: So haben Arcade-Automaten für das Retro-Gefühl gesorgt. Ebenso eine kleine Band, die auf Synthesizern bekannte Videospiele-Hits spielt. E-Sportler geben an Ständen Taktik-Tipps oder es werden Brettspiele an großen Touch-Displays gespielt. Hier wäre es schade, einen ganzen Tag mit Dauerzocken zu verschwenden. Zwar haben alle vor Ort, mit denen ich geredet habe, von der Gamescom geschwärmt - wie beeindruckend groß sie doch sei, wie viel mehr es dort doch zu erleben gäbe. Die kleine aber feine Gaming Expo des Festivals bietet ein ganz anderes Erlebnis, als die überfüllten Zockerhallen auf dem Kölner Messegelände.

MfG,
Raff