Teaser statt Leaks: Wie Informationen durch PR ersetzt werden - ein Kommentar von Torsten Vogel
In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne berichtet ein Redakteur über ein IT-Thema, das ihn in der vergangenen Woche bewegt hat: Heute schreibt Torsten darüber, wie "Hardware"-News im Jahre 2015 entstehen.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Meldungen zu künftiger Hardware spannend waren? Als jede Woche Neuigkeiten zu Features kommender Produkte zu Tage gefördert wurden? Ja? Dann Gratulation: Sie können sich an weit zurück liegende Zeiten zurück erinnern.
Gefühlt ist die ehemals deftig-brodelnde Gerüchteküche jedenfalls seit einigen Jahren zum Stehimbiss mit kaltem Kaffee und belegten, nicht zwingend frischen, Brötchen verkommen. Das hat natürlich auch seine guten Seiten. Nicht jeder Gerüchte-Koch gab ehrlich seine Zutaten, einige "leakten" sogar mit schöner Regelmäßigkeit selbst Angebautetes und behaupteten, es käme von verlässlichen Herstellerquellen. Für Redakteure war das natürlich ärgerlich, denn oft konnte man solche Gerüchte erkennen. Aber wehe eine Webseite hatte die Unverschämtheit, "wichtige Meldungen" tatsächlich nicht zu zitieren - sofort starteten die Fan des einen oder des anderen Herstellers eine unschöne Flut von Befangenheits-Vorwürfen.
Trotzdem war es zumindest nicht langweilig und man konnte vortrefflich über technische Details spekulieren und diskutieren. Heutzutage dagegen? Im letzten Jahr gab es mehrfach viel diskutierte (!) News über Importlisten. Listen, aus denen man bestenfalls ablesen konnte, dass AMD und Nvidia an neuen GPUs arbeiten. Da wäre man sonst wohl nie drauf gekommen...
Wesentlich störender, als den mangelhaften Informationsgehalt von Leaks finde ich aber, was wir stattdessen bekommen. Keine Neuigkeiten wären einfach nur langweilig - und langweilige Pausen zwischen Hardware-Diskussionen, -Launches und -Tests kann ich notfalls mit Computer-Spielen bekämpfen. (Ja, man kann Computer tatsächlich benutzten und nicht nur zusammen und auseinander bauen und zwischendurch mit Benchmarks quälen!) Aber es gibt gefühlt mehr Meldungen denn je zu kommenden Prodkten. Nur was für welche?
Nvidia hat das Twitter-Prinzip für sich entdeckt. Kurzmeldung hier, Teaserbild da, eine kleine Andeutung im Interview. Und nicht vergessen: Diverse Techdemos von Softwareentwicklern mutmaßlich oder tatsächlich auf neuen Produkten vorführen lassen. Über die Hardware erfährt man dabei genauso viel, wie von asiatischen Importlisten (nämlich nichts), aber es führt nicht nur zu einer Meldung, sondern zu einem Monate währenden Dauerfeuer "Titan-Nachfolger kommt". Irgendwann. Vermutlich als GTX 980 +50%, aber das wurde rund um inszenierte Bilder auch nur wiederholt und nicht durch diese bestätigt.
Intel spannt uns derweil lieber künstlich auf die Folter. Was kommt und was nicht? Stichwort: "Neue" Sockel-1150-CPUs. Unmittelbar zum Haswell-Start hatte Intel gegenüber gewerblichen Nutzern zugesagt, dass (Xeon-)Broadwells für die damals neuen LGA-1150-Mainboards erscheinen werden. Damit war eigentlich alles klar. Sie können ja selbst die Suche bemühen und nachzählen, wieviele Meldungen und wieviel Streit es in den letzten beiden Jahren zu dieser "klaren" Situation gab, nur damit jetzt am Ende genau das Erwartete eintritt. (Hoffentlich. Sonst blamiert sich der Autor dieser Zeilen ;-) )
AMD vermeidet so ein Chaos derweil konsequent und stellt die Produkte einfach vor etwaigen Leaks offiziell vor. Nur kaufen kann sie dann keiner. Die "offene und mit leicht für jeden integrierbare multi-OS-Schnittstelle" Mantle entwicklet sich jetzt, nach 1,5 Jahren, tatsächlich mal über eine proprietäre Beta hinaus. Aber nicht mehr durch AMD, sondern durch die gesamte Chronos-Gruppe. Aber hey: Keine Leaks. Genauso wie bei Freesync. Das wurde zügig als Konter gegen verfügbare Gsync-Montiore platziert, war "fast fertig" und zahlreiche Monitorpartner arbeiteten an passenden Geräten. Und arbeiteten. Und arbeiteten. Über ein Jahr Hardware-Verschiebungen später schlug tatsächlich ein Testmuster in der Redaktion auf - und bewies, dass man sich bis zum fertigen Treiber noch eine weitere Verschiebung hätte leisten können.
Natürlich ist auch diese Informationspolitik immer noch besser, als wenn man erst ein halbes Jahr nach der Verfügbarkeit erfährt, wie die Speicheranbindung einer Grafikkarte wirklich arbeitet. Aber mir persönlich war es sympathischer, als sich Vor-Marktstart-Berichterstattung mit durchsickernden Technik-Details oder gar den ersten heimlichen externen Benchmarks beschäftigen konnte, als die Bühne nicht von PR-Beratern mit inhaltsleeren Teasern und großen Nicht-Launches beherrscht wurde.


Die HD 7970 wird vermutlich über 4 Jahre Hochaktuell sein. Was soll in so einer Zeit schon groß passieren ?
Die Fachpresse könnte sich natürlich mal rund um das Thema HBM mit spekulativen Auswirkungen befassen und auslassen. Nur dann würde man ja Gefahr laufen was falsches zu sagen....
Zur Technik von HBM und HMC haben wir schon einen kompletten Printartikel gebracht. Aber Auswirkungen kann es nur eine haben (mehr Leistung) und über deren Dimension zu spekulieren ist, ohne weiteres Wissen zu einhergehenden Architekturen, schwer.
Die verfügbare Speicherbandbreite steigt massiv an. Aber die R9 290X ist nicht wirklich bandbreitenlimitiert und Nvidia erzielt selbst mit 256-Bit-Interface eine höhere Leistung, als dieser Vorgänger einer erwarteten 4096-Bit-Karte. Umgekehrt steigen die Anforderungen an die Speichergröße deutlich und gerade da ist HBM Gen1 deutlich im Nachteil. Bliebe noch die Frage nach dem Preis und "neu und komplex" ergibt selten "billiger".
Von meinem Wissensstand ausgehend wären AMDs HBM-Ambitionen also ein grandioser Fehlschlag. Was aber nicht stimmen kann, sonst würde man einfach den alten GDDR5-Controller aus der Schublade holen. Fazit: Mein Wissensstand reicht nicht aus, um sinnvoll zu spekulieren.
Und ohne Leaks wird sich daran bis zum Erscheinen der R9 390X wohl auch nichts ändern.
Damals hatte ich auch noch Zeit solchen Spekulationen zu folgen.