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    Quelle: PC Games Hardware

    E3-Dämmerung, oder: Hat die Spielemesse noch eine Zukunft?

    Nach der Rückkehr aus Los Angeles ließ unser US-Korrespondent Roland Austinat am Wochenende die vergangenen Tage Revue passieren. Er fasst die Trends der diesjährigen E3 zusammen und fragt sich, ob die Messe überhaupt noch zeitgemäß ist.

    Auf den ersten Blick sah die 22. E3 so aus wie immer: Lange Schlangen vor den Pressekonferenzen, Menschenmengen, die sich durch das Los Angeles Convention Center drängten, ein stets prallvoller Presseraum, in dem Kollegen aus aller Welt ihre Geschichten in die Laptops hacken. Doch auf den zweiten Blick war einiges anders als je zuvor.

    Trend Nummer 1: Ausstellerschwindsucht

    Schon etliche Wochen vor Messebeginn hatten Electronic Arts, Activision, Disney Interactive und Wargaming angekündigt, der E3 in diesem Jahr fernbleiben zu wollen. Die Begründung? Man wolle mehr Fans und Gamer ansprechen, die nicht zum Fachpublikum gehören und daher keinen Zutritt zur E3 bekommen. So zog Electronic Arts im Novo, dem ehemaligen Nokia Theater direkt neben dem Convention Center, mit EA Play seine eigene Gegenveranstaltung auf, um eine Handvoll neuer Titel einer größeren Besucherschar zu zeigen. Activision erlaubte immerhin Sony, das neueste Call of Duty am Stand und auf der hauseigenen Pressekonferenz vorzustellen.

    Ohne die vier Hersteller gab es gerade in der PC-lastigen South Hall große Umbrüche. Am Eingang wartete nicht mehr ein lautstarkes EA-Aufgebot, sondern Stände von Twitch und T-Mobile. Im hinteren Hallenteil herrschte gähnende Leere, nur unzureichend mit Sitzecken und Getränkebars kaschiert. Die Lautstärke auf dem gesamten Messegelände war deutlich geringer - ich konnte mit allen PR-Managern und Kollegen sprechen, ohne zu schreien. Auch die Gänge waren bis auf wenige Ausnahmen problemlos passierbar. Der Weg von der South in die durchaus ein Stück weiter entfernte West Hall gelang mir im Schnitt in fünf Minuten.

    Trend Nummer 2: Mehr Tage für weniger Neues

    Fanden früher alle Pressekonferenzen am Montag vor der eigentlichen Messe statt, belegte Bethesda 2015 schon den Sonntagabend. Das war auch letzte Woche wieder der Fall. Außerdem legte auch Electronic Arts die Produktparade vom Montag auf den Sonntagmittag. De facto waren die Messebesucher damit fünf Tage im Einsatz - und das, obwohl es auf den meisten Pressekonferenzen so gut wie keine Neuheiten gab, die nicht schon im Vorfeld durchgesickert oder gar offiziell angekündigt worden waren.

    Bei Electronic Arts war bis auf ein Indie-Spiel wirklich alles bekannt - und wurde dazu noch lausig präsentiert. Mass Effect: Andromeda, das 2015 mit einem Trailer Premiere feierte? 2016 gab es ein Making-of-Video, aber kein bisschen Spielgrafik. Die Star-Wars-Titel, die in zahlreichen EA-Studios in der Mache sind, wurden indirekt mit einem Film vorgestellt, in dem interne und externe Mitarbeiter Star Wars, sich selbst und ihr jeweiliges Studio priesen. Auch Bethesda verzichtete bis auf Dishonored 2 auf echte Spielszenen, und selbst die waren im Vorfeld aufgenommen worden.

    Am Montag trauten sich bei Microsoft endlich Entwickler mit Gamepad, Maus und Tastatur auf die Bühne. Für etwas Verwirrung sorgte allerdings die Ankündigung gleich zweier Konsolen: Die Anfang August erscheinende Xbox One S ist primär 40 Prozent kleiner als die Xbox One und beherrscht 4K-Bildausgabe, Project Scorpio ist der Codename für eine aufgebohrte Xbox One, die Weihnachten 2017 herauskommen soll. Aber wer kauft jetzt eine Xbox One S, um im nächsten Jahr zur Scorpio-Konsole zu greifen?
    Trend Nummer 2: Mehr Tage für weniger Neues
    Ubisofts Pressekonferenz hätte locker eine Stunde kürzer sein können und bot außer dem grandiosen Star Trek: Bridge Crew, der Rennspiel-Ulknummer Trials of the Blood Dragon, dem Jump'n'Run Grow up und dem Extremsportspiel Steep nur bekannte Kost. Sony hatte den Vorteil, alle vier Mitbewerber gesehen zu haben und entschied sich deshalb, nur Spiele zu zeigen, darunter eine stark von Skyrim und The Witcher 3 inspirierte "Neuinterpretation" von God of War. Dass ein Orchester zahlreiche Spielesoundtracks live einspielte, war ein genialer Schachzug für die Fans, die Sony unverhohlen umwarb. Doch wissen wir, welche der teils nur in kurzen Teasern vorgestellten Titel wann erscheinen? Von Shenmue 3 und dem Remake von Final Fantasy 7, im letzten Jahr zwei Paukenschläge der Sony-Konferenz, fehlte dieses Jahr jede Spur.

    Trend Nummer 3: Videos statt Live-Gameplay

    Ich verstehe die Entwickler ja. Eine live vorgespielte Demo ist gerade in einer Pre-Alpha-Version nicht immer hundertprozentig absturzfrei. Aber müssen wir deswegen die Mehrzahl der Spiele in einer Konservenfassung anschauen, bei der sich nie etwas ändert? Bei der kein Entwickler flapsige Sprüche klopft, weil ihm ein Sprung erst beim zweiten Anlauf gelingt? Klar, auch bei den Pressekonferenzen von Microsoft, Ubisoft und Sony wurde auf der Bühne gespielt, doch selbstverständlich war das nicht.

    Was für Designer eine sichere Bank ist, wirft bei den Messebesuchern die Frage auf, warum sie überhaupt Termine für ein Spielvideo machen, das sie auch bequem auf YouTube hätten anschauen können - mit Pausenfunktion, um ausführliche Notizen zu machen. Der Videowahn gipfelte in einem 13-minütigen Film zu Civilization 6, in dem ein Volk im Schweinsgalopp durch die Zeitalter gejagt wurde. Hätten wir nicht noch ein Interview mit dem Entwicklungsleiter gehabt, wären uns die Änderungen und Verbesserungen im Vergleich zum fünften Teil komplett entgangen. Und wer sich als regulärer Fachbesucher eine Stunde für dieses Video anstellt ...

    Pressevertreter dürfen sich an vielen Ständen immerhin über eine etwas flinkere Schlange freuen, um ihren engen Zeitplan zu bewältigen. Bei ausgewählten Titeln durften wir gelegentlich selbst den Controller in die Hand nehmen, aber die Regel war das nicht - und dabei handelt es sich im Allgemeinen Spiele, die noch in diesem Jahr erscheinen und schon hinlänglich bekannt sind.

    Trend Nummer 4: VR in "echten" Spielen

    Dominierte Virtual Reality auf der Game Developers Conference im März noch das Geschehen, nahmen VR-Headsets auf der E3 eine nicht ganz so prominente Rolle ein. Manche neuen Spiele enthalten kurze VR-Inhalte, nur wenige sind komplett in der virtuellen Realität spielbar. Dazu gehören Batman Arkham VR (PSVR), Feral Rites (Oculus Rift), Resident Evil 7 (PSVR) und Star Trek: Bridge Crew (alle VR-Plattformen).

    Star Trek: Bridge Crew und Feral Rites machen als stationäre VR-Titel Laune und funktionieren prima. Batman Arkham VR ist derzeit noch VR: Der überwiegende Teil der Entwickler wartet noch höflich ab. eine fesche Tech-Demo, die bei Bewegungen wie Epic Games' Bullet Train aufs Teleportieren setzt. Doch Resident Evil 7? Da wurde mir fast übel - nicht wegen des Blut und Elends im Spiel, sondern weil die Bewegung unserer Hauptfigur nicht mit unserer eigenen übereinstimmt. Man sitzt nämlich in einem Stuhl, steuert den Helden mit dem Gamepad und dreht mit dem Kopf dessen Taschenlampe - da steckt man besser Reisetabletten ein.

    Meine Beobachtung: Der überwiegende Teil der Entwickler wartet jedoch noch höflich ab und beobachtet, wie die Marktdurchdringung der VR-Headsets wohl verlaufen mag. Bevor wir mehr Triple-A-Titel in VR sehen, werden noch viele kleine Spiele auf uns warten.

    Trend Nummer 5: Zahlentricksereien

    Vor elf Jahren besuchten noch 70.000 Fachbesucher die E3. Im letzten Jahr waren es nur deshalb 52.200, weil die Veranstalter 5000 Fans Einlass gewährt hatten. Dieses Jahr spricht die Entertainment Software Association (ESA) als E3-Ausrichter gar von 70.000 Besuchern. Doch beim genaueren Hinsehen ist das eine geschönte Nummer: Eigentlich waren nur 50.300 Fachbesucher auf der E3 - die 20.000 zusätzlichen schauten bei E3 Live vorbei.

    E3 Live war nämlich die mit der heißen Nadel gestrickte Antwort der ESA auf den Vorwurf von EA & Co., dass normale Spieler nichts von der E3 hätten. Doch so schnell die 20.000 kostenlosen Tickets für die ein paar Hundert Meter vom Messegelände entfernte Show vergeben waren, so inhaltsarm war die Veranstaltung. In schlichten Zelten wurden beispielsweise Lego Dimensions und ein paar Vive-Spiele gezeigt, dazu gab es teures Merchandising und am Abend spielten leidlich bekannte Musiker auf. Entsprechend harsch äußerten sich dann auch die enttäuschten Besucher, die gehofft hatten, bei E3 Live die neuesten Titel der E3 zu sehen.

    Wohin geht die Reise?

    Ein Spiegelbild der Spielebranche ist die E3 schon lange nicht mehr. Mobile Spiele für Smartphones und Tablets finden dort ebenso wenig statt wie Indie- oder Free-to-Play-Titel. Stattdessen konzentriert sich das auf der Messe Gezeigte immer noch auf klassische Konsolen- und PC-Spiele - doch dieser Markt schrumpft so beständig wie die Zahl der Hersteller.

    Wer daheim die Pressekonferenzen im Live-Stream verfolgt und bei Messerundgängen seiner Lieblings-YouTuber am Bildschirm sitzt, kann sich die Reise nach Los Angeles eigentlich auch sparen. Andererseits sind rund 50.000 Fachbesucher nach wie vor kein Pappenstiel - und das Wiedersehen mit alten Bekannten oder ein erstes Treffen mit einem neuen Entwicklungsstudio sind Erfahrungen, die per Videostreaming nicht funktionieren.

    Die gamescom macht es vor: Separate Tage für Fach- und reguläre Besucher könnten der E3 dauerhafte Relevanz verschaffen. Die gamescom macht es vor: Separate Tage für Fach- und reguläre Besucher könnten der E3 dauerhafte Relevanz verschaffen. Quelle: PC Games Hardware Wie man es machen könnte, zeigt die gamescom in Köln. Neben Fachbesuchertagen nebst Terminen im Business-Center gibt es auch solche, zu denen jeder kommen kann, der eine Eintrittskarte bekommt. Warum kann die E3 beispielsweise nicht Dienstag bis Donnerstag für Fachbesucher und dann Freitag bis Sonntag für alle anderen geöffnet sein? Durch die Einnahmen aus dem Eintrittskartenverkauf könnten die Standgebühren gesenkt und damit für die Hersteller erschwinglicher gemacht werden. Eine Zersplitterung der E3 so wie in diesem Jahr ist auf jeden Fall der falsche Weg. Und was wir uns für 2017 noch wünschen würden: eindeutig mehr live gespielte Demos.

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      • Von Lexx BIOS-Overclocker(in)
        Zu viele Bachelor-Marketing-Kröten (Schwuchtels?), die von der Materie nichts verstehen (wollen) ?
        (Wir sind keine Omis, die Menstruationsbinden und Abführmittel á la Trump verkauft wissen wollen?)

        Zu viel "zock up", der unbedarften Jung-Begeisterten Viel-Zahler? (DLCs und Vorbesteller-Boni sind nicht genug.)

        Krieg gegen sonstige Industrie 4.0 (Web 2.0), denen man den "verdienten" Umsatz/Profit nicht gönnt?

        Nach 3 Tagen E3 (Überdosis von allem!!!) braucht man 2 Wochen Urlaub bzw. (Selbst-)Findungs-Phase.

        Quantität!!! vor Qualität? (Jene, die Qualität verstehen, wissen um die Qualität ihrer Produkte.
        Also warum mit dem Billig-Dreck in Competition stehen? Siehe: Star Citizens.)

        5 E3- Artikel, und nur 1 Posting (in einem anderen Thread.)

        Die Welt als globales Dorf. Der Moderne Konsument informiert sich auf aktuelleren Wegen?
        (Hat vielleicht schon eine "vorverurteilte" Meinung?)

        Möchte noch fortsetzen, aber: Kennt noch wer die IFABO?

        Nein?

        Dann schließe ich nun aus Müdigkeit und.. Unwissenheit der Audience.

        Mehr können Sie für Ihre Wäsche nicht tun.
        Guten Abend.
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E3-Dämmerung, oder: Hat die Spielemesse noch eine Zukunft?
Nach der Rückkehr aus Los Angeles ließ unser US-Korrespondent Roland Austinat am Wochenende die vergangenen Tage Revue passieren. Er fasst die Trends der diesjährigen E3 zusammen und fragt sich, ob die Messe überhaupt noch zeitgemäß ist.
http://www.pcgameshardware.de/Spiele-Thema-239104/Specials/E3-Fazit-1199227/
20.06.2016
http://www.pcgameshardware.de/screenshots/medium/2016/06/E3_2016_01-pcgh_b2teaser_169.JPG
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