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  • Duke Nukem Forever: Wenn Kreativität und Liebe zum Detail dem Tunnelblick zum Opfer fallen - PCGH-Redaktions-Kolumne KW25

    In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne textet ein PCGH-Redakteur über Hardware- oder Software-Themen, die ihn in der vergangenen Woche bewegt haben: In der KW25 berichtet Raffael Vötter über Kreativität und Liebe zum Detail anhand von Duke Nukem Forever - und wie man diese positiven Seiten übersehen kann.

    In der KW24 berichtet Raffael Vötter über Kreativität und Liebe zum Detail anhand von Duke Nukem Forever - und wie man diese positiven Seiten übersehen kann.

    "Mit dem Erscheinen von Duke Nukem Forever endete die längste Spiele-Entwicklung aller Zeiten - und es begann eine der lebhaftesten Wertungsdiskussionen überhaupt. Ich kann mich in meiner rund 18 Jahre andauernden Spiel-"Karriere" nicht daran erinnern, dass ein Titel jemals derart breitflächig polarisierte. Die einen feiern ihren Messias, die anderen zelebrieren ihren Hass; selten war die Grauzone der "Ich find's mittelmäßig"-Meinungen so klein. Der Gag an der Geschichte ist: Irgendwie haben beide Fraktionen Recht. Doch eine hat deutlich mehr Recht als die andere ;-) Ich erläutere das liebend gern.

    Um es vorweg zu nehmen: Ich habe den Vorgänger von Duke Nukem Forever relativ zeitnah gespielt und damit sehr viel Spaß gehabt. Der hierzulande indizierte Shooter vermengte im Jahr 1996 aktuelle 3D-Technologie mit innovativen Gameplay-Elementen, dem wohl ersten Protagonisten mit Profil und einer deftigen Portion (Selbst-)Ironie. Kurz: Das Spiel hinterließ sehr große Fußstapfen. Das ist eigentlich nichts Schlimmes, kann aber zu einem Problem heranwachsen, wenn der Nachfolger erst 14 Jahre später erscheint. Die Erde dreht sich zwischenzeitlich nämlich weiter. Nun ist das Spiel endlich erschienen, trifft jedoch auf ein völlig anderes Klientel als damals. Die einstigen Fans sind längst gestandene Männer und haben vielleicht schon zockende Kinder. Letztere sind die Vertreter der aktuellen Spieler-Generation, welche mit einer völlig anderen Sorte Ego-Shooter aufgewachsen ist. Call of Duty ist für viele Jungspieler das Synonym für Ballerei am Bildschirm, Battlefield folgt. Das Problem liegt im Detail: Duke Nukem Forever hat mit Call of Duty fast nur noch die Tatsache gemein, dass man schießen kann. Ego-Shooter entwickelten sich in den vergangenen Jahren immer mehr zum interaktiven Film: Der Spieler wird ohne Verschnaufpause durch einen engen Schlauch gescheucht - ja, regelrecht getreten. Alle 100 Meter, nachdem wieder eine Masse der gleichen Widersacher monoton niedergestreckt wurde, folgt eine Zwischensequenz, welche in ihrer Gesamtheit die Story des Spiels ausmacht. Das hat durchaus seinen Reiz, kann aber aufgrund der nicht vorhandenen Freiheit und des "idiotensicheren" Gameplays langweilen. Faktisch gähnen vor allem die alten Hasen, welche Teil 3(D) des Dukes kennen.

    Nun erschien Duke Nukem Forever auf der Bildfläche und dessen Gamedesign baut fast vollständig auf die Tugenden des Vorgängers. Das Spiel enthält keine einzige Zwischensequenz im "Call of Duty"-Stil. Es gibt keine Pfeile, die den Weg zum nächsten Raum voller Moorhü... äh, Gegner anzeigen. Der Protagonist kann nicht nur springen, die Funktion wird sogar ins Gameplay eingebettet. Und, man glaubt es kaum: Es gibt Verschnaufpausen, man kann sich die Levels ansehen, regelrecht Sightseeing betreiben. Der Spieler hat folglich wieder die Kontrolle über das Geschehen, anstatt nur zwischen zwei automatischen Sequenzen ab und zu mal zwei Knöpfe zu drücken. Wie laaaaangweilig - denkt so mancher Jungspund oder "Call of Duty"-Fan. Ein solcher, fiktiver Spieler könnte Folgendes sagen: "Wie, niemand nimmt mich an die Hand? Ich kann mir die Gegend ansehen? Gewinne ich hier einen Krieg oder bin ich im Urlaub? Außerdem hänge ich dauernd fest, weil nirgends ersichtlich ist, wo ich was machen muss. Hauptsache, dass der Kerl dauernd irgendwas quatscht. Aber der größte Mist ist ja dieses Schrumpfen: Erst lief ich eine halbe Stunde planlos durch mehrere offene Räume (!) und dann hat mich so ein Riesenviech ständig zu Brei getreten. Ich konnte ja nichts machen, weil ich klein war. Drecksspiel! Da helfen auch die vielen Brüste nichts. " So oder so ähnlich lesen sich einige Meinungen und, viel schlimmer, sogar Tests zu Duke Nukem Forever. Ich unterstelle vielen - nicht allen - dieser Verrisse, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, was in dem Spiel steckt.

    Zugegeben, Duke Nukem Forever wirkt wie eine Zeitreise in eine vergangene Ära. Und ja, ich kann mir vorstellen, dass das auf jemanden, der die Anfänge der Ego-Shooter nicht miterlebt hat, langweilig wirken kann (nicht muss!). Allerdings erwarte ich zumindest von den Reviewern, dass sie sich mit dem Produkt auseinandersetzen, anstatt es mit einem Tunnelblick und einer Sub-50er-Wertung abzustrafen. Wer genauer hinsieht, wird bemerken, dass dieses Spiel mehr Content, Abwechslung und Liebe zum Detail aufweist als die komplette "Call of Duty"-Reihe zusammen. Das Spiel belohnt den Blick für Details mit einer konkurrenzlosen Dichte an Gags und Feinheiten. Damit sind nicht mal die Sprüche des Dukes gemeint, welcher die verzerrte Spielwelt und sich selbst immer wieder durch den Kakao zieht. Das Leveldesign lässt erahnen, was die Entwickler so viel Zeit kostete: der mehr oder minder subtile Humor an jeder Ecke. Jedes noch so kleine Objekt ist beschriftet, mit einem an die Realität erinnernden Namen oder einfach nur urkomisch. Wenn sich der Werbetext einer Dose Bohnen über die explosive Wirkung des Inhalts und auf die Mitmenschen auslässt, auf die Genre-Mitbewerber Half-Life, Halo und Dead Space angespielt wird oder der Duke den Code 1338 zur Aktivierung seines Geschützes eintippt ("One step ahead of the average nerd"), dann merkt man, dass hier unglaublich viel Liebe zum Detail steckt. Mit dem "Titty City"-Stripclub existiert sogar ein ganzer, frei begehbarer Level, dessen einziger Sinn darin besteht, den Spieler entdecken zu lassen. Dort dürfen Sie nicht nur Flippern und Air Hockey spielen, sondern auch schräge Typen treffen, amüsante Werbeplakate in Hülle und Fülle ansehen und sich anschließend eine Stripshow geben. Keiner stirbt, keiner schiebt Stress, man erkundet einfach die wohl lebhafteste Umgebung, die jemals in einem Spiel zu finden war. Habe ich erwähnt, dass die Sprüche des "Kings" (Duke) ebenfalls ein elementarer Bestandteil des Spiels sind, weil sie dem Geschehen Würze geben? Ja, das habe ich wohl, doch das gilt es zu unterstreichen. Gäbe es diese nicht, wäre das Spiel natürlich langweiliger.

    Die derzeit gern gestellte Frage, ob das Spiel auch ohne den Duke funktionieren würde, ist völlig irrelevant - er ist nämlich dabei. Die erwähnten Details, deren gesamte Liste Seiten füllen würde, sind ebenfalls drin. Anders formuliert: Wer Duke Nukem Forever mit dem CoD-Tunnelblick bewertet und genau deswegen das komplette Gamedesign ausblendet, kann natürlich keinen Spaß haben. Ich hingegen ziehe symbolisch meinen Hut vor 3D Realms. Das Werk dieses Entwicklers besitzt mehr Herz und Seele als alle anderen Spiele auf dem Markt. Damit möchte ich keineswegs sagen, dass es perfekt ist - das ist es nämlich nicht. Technisch sowieso nicht. Aber darum geht es in dieser Kolumne auch nicht, wie Sie gewiss schon bemerkt haben. Dies soll ein Appell an alle Spieler und (selbsternannten) Tester sein, mit allen Sinnen zu spielen und Detailwunder wie dieses Spiel angemessen zu würdigen. An diesem Punkt stellt sich wieder die Frage, wie man man so etwas bewertet - aber hey, das ist nicht mein Problem. ;-)

    PS: Alice - Madness Returns schlägt in eine ähnliche Kerbe. Das Spiel lebt von der bizarren, aber äußerst kreativen Spielwelt und einem passenden Soundtrack, der von verspielt-schräg bis düster reicht. Das Gameplay jedoch gestaltet sich repetitiv. Was gewichten Sie stärker? Versinken Sie mit Freude in einer surrealen Welt mit viel Action oder reiten Sie darauf herum, dass es nur vier Waffen mit ähnlicher Wirkung gibt? Auch dieses Spiel verdient mehr Beachtung, als es die durchschnittlichen Tests erahnen lassen. Der Teufel bzw. die Liebe steckt im Detail."


    Redaktions-Kolumne
    In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne textet ein PCGH-Redakteur über Hardware- oder Software-Themen, die ihn in der vergangenen Woche bewegt haben und zwar jeden Sonntag um 13:15 Uhr.

  • Duke Nukem Forever
    Duke Nukem Forever
    Publisher
    2K Games
    Developer
    3D Realms
    Release
    10.06.2011

    Stellenmarkt

    Es gibt 27 Kommentare zum Artikel
    Von Bester_Nick
    CoD war noch nie gut. Ich weiss gar nicht wer den Moorhuhn-Crap überhaupt auf den Shooter-Thron gestellt haben soll.…
    Von Blitzkrieg
    der redakteur hat recht. ABER: wenn die entwickler sich dazu entscheiden, einen old-school shooter herauszugeben, dann…
    Von hase
    Die Kolumne trifft den Nagel auf den Kopf. Geht mir genau so und deshalb spiele ich am liebsten Stalker. Aber auch…
    Von sethdiabolos
    Ich will auch, ich will auch.......Hier mal so nen paar nette Screens[Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen][Ins Forum,…
    Von Citynomad
    Endlich mal eine Bewertung, die zwar eigentlich keine Ist, es dafür aber auf den Punkt bringt. Aktuelle "Hollywood"…
      • Von Bester_Nick Lötkolbengott/-göttin
        CoD war noch nie gut. Ich weiss gar nicht wer den Moorhuhn-Crap überhaupt auf den Shooter-Thron gestellt haben soll. Prey, Bioshock, Stalker, Half Life - das sind Shooter an die man sich erinnert. Den Duke hab ich nicht gespielt, fest steht aber, dass ein Spiel mehr braucht als gameplayunabhängige Details, paar coole Sprüche und Silikontitten und mehr scheint Duke Nukem Forever laut diversen Reviews nicht zu bieten.
      • Von Blitzkrieg Komplett-PC-Aufrüster(in)
        der redakteur hat recht. ABER: wenn die entwickler sich dazu entscheiden, einen old-school shooter herauszugeben, dann müssen sie es auch konsequent umsetzen. also mehr als zwei waffen und keine regen health (obwohl mir diese persönlich mehr zusagt).
      • Von hase Komplett-PC-Käufer(in)
        Die Kolumne trifft den Nagel auf den Kopf.

        Zitat von captain_drink
        Diese Kolumne sollte sich der werte Herr Siegismund mal durchlesen - GS hat meiner Meinung nach den wohl am schlechtesten begründeten "Test" feilgeboten. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie man das Spiel dafür kritisieren kann, dass es nicht "modern" sei; schließlich ist das ja gerade der Reiz. Es kommt ja auch keiner auf die Idee, an Tetris den Umstand, dass Steine vom Himmel fallen, zu bemängeln.
        Ich für meinen Teil würde mir wünschen, dass DNF zu einer kleinen Renaissance der "Erkundungs-Shooter" führt. Ich genoss es immer schon viel mehr, in einer Welt regelrecht "versinken" zu können, anstatt hektisch durch den Level gescheucht zu werden.

        Geht mir genau so und deshalb spiele ich am liebsten Stalker. Aber auch Metro macht da noch viel Spaß. Wenn ich daran denke, wie ich mich durch COD gequält habe, nur weil ich das Tschernobyl-Szenario interessant fand.

        Aber DNF ist genau das Spiel, was ich erwartet habe. Es macht Spaß, hat coole Gags, man kann rum schauen und Sachen suchen. Dann hat DNF kniflige Rätsel, die von mir nicht immer auf Anhieb durchschaut wurden, so soll das sein. Man habe ich ewig in der Küche gebraucht, bis ich das Regal hochspringen konnte. Ich denke Leute, die nicht D... 3D gespielt haben und nur COD gewohnt sind, können DNF einfach nicht verstehen und erkennen auch nicht was in DNF steckt. Aber muß ja auch nicht jeder den Duke spielen. Mir reicht es, wenn ich damit meinen Spaß habe.
      • Von sethdiabolos BIOS-Overclocker(in)
        Ich will auch, ich will auch.......

        Hier mal so nen paar nette Screens

        [Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen][Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen][Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen][Ins Forum, um diesen Inhalt zu sehen]

        Kuba-Krise?
        Tampons?
        Dead Space?
        Who the ****...ein Kerl im Glory Hole im Strip-Club?
      • Von Citynomad PCGH-Community-Veteran(in)
        Endlich mal eine Bewertung, die zwar eigentlich keine Ist, es dafür aber auf den Punkt bringt. Aktuelle "Hollywood"-Shooter sind zwar spannend inszeniert, aber ohne Liebe zum Detail. Ich finde es immerwieder grausam, wenn man dann hinterher in einer Review Eastereggs und ähnliches erst gezeigt bekommen muss, weil man gar keine Zeit hat zu suchen. Beim Duke hab ich das Spiel erst durchgezockt und dann in den Reviews gelesen und verglichen was die noch alles gefunden haben. Selten hat ein Spiel mich so gut unterhalten und mir auch noch Zeit gegeben es zu genießen.

        PS: Ich will nen Danke Button auch für News und Beiträge von PCGH Redakteuren.
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830810
Duke Nukem Forever
Jeden Sonntag um 13:15 Uhr
In der allwöchentlichen Redaktions-Kolumne textet ein PCGH-Redakteur über Hardware- oder Software-Themen, die ihn in der vergangenen Woche bewegt haben: In der KW25 berichtet Raffael Vötter über Kreativität und Liebe zum Detail anhand von Duke Nukem Forever - und wie man diese positiven Seiten übersehen kann.
http://www.pcgameshardware.de/Duke-Nukem-Forever-Spiel-22269/News/Jeden-Sonntag-um-13-15-Uhr-830810/
26.06.2011
http://www.pcgameshardware.de/screenshots/medium/2011/06/Alice_Madness_Returns_PhysX___SGSSAA_381.jpg
duke nukem forever,alice madness returns
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